Von echten Prinzessinnen und modernen Kunstrittern
In «Nos Chastè», dem neusten Dokumentarfilm der Engadiner Regisseurin Susanna Fanzun, spielt ein Schloss die Hauptrolle. Fanzun ist als Tochter des Schlossverwalters des Schloss Tarasp aufgewachsen. Über zwanzig Jahre lang dokumentierte sie das Schicksal des Schlosses.
«Ich habe lange gezögert, den Film zu machen», erzählt Susanna Fanzun, die für ihre Dokumentarfilme aus der rätoromanischen Schweiz bekannt ist. Zuletzt sorgte sie mit «I Giacometti - eine ausserordentliche Familie aus dem Bergell» für Aufmerksamkeit – der Film wurde zum erfolgreichsten Dokumentarfilm des Jahres 2023. Erstmals tritt sie über den gesamten Film hinweg als Erzählerin selbst in Erscheinung, um die Geschichte des Schloss Tarasp aus ihrer Perspektive zu erzählen. «Die Ich-Form war eine Gratwanderung», meint sie. Sie habe die Perspektive einer Fliege eingenommen, die durchs Schloss führe, schliesslich kennt sie das Schloss als Tochter und Enkelin der Schlossverwalter wie ihre eigene Hosentasche. Obwohl der Film sehr persönlich ist und auch den Abschied von der Welt der Kindheit thematisiert, bleibt das Schloss die Hauptfigur. An ihm zeigt sie, wie unser Geschichtsverständnis dem Wandel der Zeit unterworfen ist.
Die Geschichte des Schloss Tarasp reicht bis ins Jahr 1040 zurück, als Graf Ulrich I auf dem 100 Meter hohen Schlosshügel einen Turm bauen liess. Die Burg wechselte häufig ihre Besitzer und wurde beständig erweitert. Im 16. Jahrhundert erreichte sie ihren heutigen Umfang. Bis 1803 war Tarasp österreichische Enklave – und ist bis heute als einzige Gemeinde im Engadin katholisch geblieben. Der noch junge Kanton Graubünden verkauft das heruntergekommene Schloss. Nationalrat Andreas Rudolf von Planta rettet das Schloss vor dem Zerfall und lässt neue Dächer bauen.
Schliesslich weckt der Industrielle Karl August Lingner, mit dem antiseptischen Mundwasser Odol reich geworden, das Schloss aus dem Dornröschenschlaf. Er lässt die Mauern sichern, renoviert das Schloss im Stil des Historizismus, baut eine Orgel mit 3000 Pfeifen ein, welche das gesamte Schloss zum Klingen bringt. Er legt einen Schlosspark an, wofür er unter anderem auch Bäume importieren lässt. Das Schloss verfügt nun erstmals über eine Heizung, fliessendes Wasser und Elektrizität, inklusive Telefonanschluss. Seinen wahrgewordenen Traum als Schlossherr kann Lingner allerdings nicht lange geniessen – er stirbt 1916 als die Renovierungsarbeiten nach neun Jahren endlich abgeschlossen sind noch vor der Eröffnungsfeier.
Die generöse Prinzessin
Die Grossherzögliche Familie Ernst und Eleonore von Hessen und bei Rhein nimmt Lingners Erbe an. Bis zum zweiten Weltkriegt verbringt die Familie regelmässig den Sommer in Tarasp und lädt die Bevölkerung zu Festen ein. «Für uns war das keine schöne Zeit», erzählt Susannas Vater, Johann P. Fanzun lachend, als Kinder seien sie dann jeweils rumkommandiert und rumgeschubst worden, schliesslich war bereits sein Vater Christian Fanzun Schlossverwalter. Mitanpacken musste auch Susanna als Kind, nachschauen, ob alle Fenster im Schloss geschlossen waren und während der Sommerferien Führungen durchs Schloss übernehmen.
Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein, der mit Prinzessin Margaret Baronet Geddes of Rolvenden liiert ist, erbt schliesslich das Schloss. Das adlige Paar hat 1945 ihre Hochzeit ausgerufen, als ein Grossteil der Familie von Hessen und bei Rhein auf dem Weg zur Hochzeit mit ihrem Privatflugzeug im Londoner Ostende in ein Kamin donnert und dabei ums Leben kommt. Die Hochzeit findet in schwarz statt. «Diese Tragödie hat die Beziehung der von Hessens zum Schloss geprägt, da sie nach der Hochzeit mehrere Wochen im Schloss Tarasp verbrachten», so Susanna Fanzun. Sie hat viele persönliche Erinnerungen an die von Hessens. Die Prinzessin sei generös gewesen. So habe sie der Familie zu Susannas Geburt ein Goldkettchen geschenkt, das die Regisseurin bis heute in Ehren hält. Als Susanna Fanzun bereits in Chur lebt, um sich zur Primarlehrerin und später zur Journalistin ausbilden zu lassen, habe ihr die Prinzessin zugestanden, bei ihren Aufenthalten im Engadin im Wachthaus zu wohnen. «Ich fuhr jeweils mit dem Töff über den Flüelapass. Das Wachthaus war ausgestattet mit sehr schönen, historischen Möbeln, aber es war lange unbewohnt gewesen und ziemlich kalt. Es erlaubte mir aber eine Distanz zu meinem Leben in Chur und meiner Familie».
Als die Erben der von Hessens vor 23 Jahren das Schloss zum Verkauf anbieten, bricht für die Familie Fanzun eine Welt zusammen. Susanna Fanzuns Kinder sind noch ganz klein, als sie beginnt, die Geschehnisse rund ums Schloss aufzuzeichnen. Als Journalistin und Regisseurin ist die Kamera ihr Mittel, um der Hilflosigkeit zu begegnen. Sie führt lange Gespräche mit dem Vater, der so manches aus der Familienchronik offenlegt, das der Familie gar nicht bekannt ist – dass die Familie als Entgelt für geleistete Arbeit während des 2. Weltkrieges das Elternhaus, in dem heute Bruder Jon wohnt, bekommen hat. Die von Hessens durften während zehn Jahren weder in die Schweiz einreisen, noch konnten sie dem Schlossverwalter Geld überweisen. Wie sehr sich die Familie fürs Schloss eingesetzt hat, zeigt Susanna Fanzun am Beispiel der Orgel. Der Grossvater verhinderte während des 2. Weltkrieges deren Verkauf. Susannas Vater liess die Orgel schliesslich aus eigener Initiative reparieren, wofür er 200'000 Franken sammelte.
Abschied vom Ort der Kindheit
Susanna Fanzun dokumentiert, wie die Familie beim Teehaus im Schlosspark ein letztes Mal zusammenkommt, um über die offene Zukunft des Schlosses zu sprechen. «Diese Treffen wäre ohne die Idee zum Film wohl nicht zu Stande gekommen», meint sie. Am 80. Geburtstag von Johann P. Fanzun unternehmen Vater und Tochter nochmals einen Rundgang durchs Schloss, vier Jahre bevor der Vater unerwartet an einem Schlaganfall stirbt. Mutter Susi Fanzun-Fliri folgt ihm bald darauf. Das ist auch Susanna Fanzuns Appell ans Publikum: Die Eltern zur Familiengeschichte zu befragen, solange sie noch da sind.
Elf Jahre lang findet das Schloss keinen Käufer. Die entscheidende Wendung tritt mit dem neuen Schlossherrn, dem Engadiner Künstler Not Vital ein. Für die Familie Fanzun endet damit die Geschichte als Schlossverwalter. Bruder Jon legt sein Amt nach 28 Jahren nieder, um sich ganz seinen Sportgeschäften zu widmen. 100 Jahre nach Lingner sorgt Not Vital mit seinen Plänen 2016 für heftige Reaktionen. Er lässt etliche Bäume im Schlosspark fällen – schliesslich soll das Schloss von Weitem sichtbar sein und das historische Teehaus, wo die Familie einst Geburtstage und Partys feierte, muss seiner Kunst weichen, dem Turm «House to watch the sunset». Im Gespräch mit der Regisseurin erklärt er, dass er das Schloss ja auch wegen des Schlossparks gekauft habe. Ihm fehlt die Geduld, auf eine Baubewilligung zu warten und so lässt er das Teehaus vorzeitig abbauen.
Heute zieht das Schloss Kunstinteressierte aus der ganzen Welt an. Zusammen mit seinem Bruder Duri Vital liess der Künstler das Schloss renovieren und stattete die Räume mit Kunstwerken moderner Künstler wie Daniel Spoerri, Joseph Beuys, Andy Warhol und eigenen Werken aus. Die Gemeinde Scuol bringt jährlich 200'000 Franken für den Unterhalt auf, im Gegenzug muss das Schloss öffentlich zugänglich bleiben.
«Nos Chastè» zeigt anhand historischer Fotografien und Filmaufnahmen, Aufnahmen aus der jüngsten Vergangenheit, prächtiger Drohnenaufnahmen, der verspielten Animationen von Oliver Conrad und der märchenhaften Musik von Henry Grillot die Dynamik von Geschichte auf, die nie in Stein gemeisselt ist und stets weitergeschrieben wird.
«Nos Chastè», eine Produktion von Pisoc Pictures Scrl zusammen mit RTR und SRF zu sehen am:
Sonntag, 6. April, 10.30 Uhr: Sputnik, Liestal, Matinee in Anwesenheit der Regisseurin.
Donnerstag, 10. April, 20.00 Uhr: Kino Lichtspiel, Olten, in Anwesenheit der Regisseurin.
Weitere Vorführungen werden laufend auf www.pisocpictures.com bekanntgegeben.
...wurde 1963 im Unterengadin als Tochter des Schlossverwalters geboren. Nach der Ausbildung zur Primarlehrerin an der Pädagogischen Fachhochschule in Chur begann ihre Laufbahn als Journalistin. Von 1986 bis Ende 2013 arbeitete sie bei Radiotelevisiun Svizra Rumantscha. In Chur und Zürich liess sie sich zur Fernsehproduzentin (RTR) ausbilden. Den ersten Dokumentarfilm drehte sie über verstummte und verstaubte Orgeln in Spanien. 2012 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma Pisoc Pictures Scrl, seit 2013 ist sie freischaffende Filmemacherin und arbeitet als Filmregisseurin, Autorin und Produzentin. Den ersten Dokumentarfilm drehte sie über verstummte und verstaubte Orgeln in Spanien. Neben mehreren Künstlerporträts schuf Susanna Fanzun Filme zum Alltag im Alpenraum, wobei sie die grossen Zusammänge in den kleinen Dingen des Alltags findet.
«I Giacometti - eine ausserordentliche Familie aus dem Bergell», eine Koproduktion mit dem Produzenten Samir von Dschoint Ventschr feierte an den Solothurner Filmtagen 2023 Premiere und wurde für den Prix du Public nominiert. Im Sommer 2023 wurde er als Eröffnungsfilm der Panorama Suisse Serie am Locarno Film Festival aufgeführt. (pd)