Zwischen den Sprachen lauschen

Das Literaturfestival «Lettere dalla Svizzera alla Valposchiavo» widmet sich seit 2021 dem Austausch zwischen den vier Landessprachen und der Überwindung nationaler Sprachgrenzen. Höhepunkte beim diesjährigen Festival waren u. a. ein Gespräch mit der Tessiner Autorin Prisca Augustoni, die seit Jahren in Brasilien lebt, der Austausch mit Henri Michel Yéré aus der Elfenbeinküste und eine Begegnung mit Kim de l'Horizon.

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Poschiavo bildet mit seinen Palazzi eine architektonisch reiche Kulisse für das kleine, aber feine Literaturfestival. (Bild: Alessandro Belluscio)

Vom 3. bis zum 5. Oktober fand in Poschiavo zum fünften Mal ein kleines, aber sehr feines Schweizer Literaturfestival statt. Wieso in Poschiavo, im äussersten Winkel der Schweiz? Tritt man von Zürich herkommend die eindrückliche Reise über Chur und Pontresina an, so ist man ab Thusis überwältigt von der Bündner Gebirgswelt. Schlängelt sich dann der Bernina-Express langsam und kontinuierlich über die vielen Kurven die 1200 Meter ins Tal hinunter, so begreift man, dass man in einer besonderen Welt angekommen ist. Obwohl sehr italienisch geprägt, erinnern die vielen Palazzi in Poschiavo an die Engadiner Architektur. Ausgehend von den in die ganze Welt ausgeströmten und wohlhabend zurückgekehrten Zuckerbäckern, die diese Paläste erbaut haben, atmet es eine wohltuende Form von Weltoffenheit. Die Aufschriften im Dorf sind mehrheitlich auf Italienisch, aber auch auf Rätoromanisch und Deutsch abgefasst. Unter sich reden die Puschlaver einen eigenen italienischen Dialekt, der verwandt ist mit jenem des angrenzenden Veltlins.

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Die Autorin Begoña Feijoo Fariña gründete 2021 das Festival. (Bild: Alessandro Belluscio)

In diesem Paradies der gelebten Mehrsprachigkeit gründete 2021 Begoña Feijoo Fariña, eine nach der Diktatur geborene spanische Autorin, die in jungen Jahren nach Poschiavo ausgewandert war, das Literaturfestival Lettere dalla Svizzera alla Valposchiavo. Sie sei von der Mehrsprachigkeit dieser abgelegenen Region fasziniert gewesen, sagt sie. Das künstlerische Kommitee bilden Fabiano Alborghetti, Autor, Begründer und langjähriger Leiter der «Casa della letteratura» in Lugano, der im Jura lebende Walter Rosselli, der seine Bücher auf Französisch, Italienisch und Rätoromanisch verfasst und zugleich zwischen diesen Sprachen auch übersetzt und Ruth Gantert, Übersetzerin und Literaturvermittlerin und lange Jahre Leiterin des Service de Presse Suisse und Viceversa, zusammen mit Begoña, die das Festival leitet. Nur schon der Titel des Festivals lädt zu einer Reise zwischen den Sprachen ein. «Lettere» changiert auf Deutsch zwischen «Briefe», «Buchstaben», aber auch «Literatur». «Alla Valposchiavo» kann einerseits bedeuten, dass die literarische Schweiz sich für drei Tage in Poschiavo trifft. Es kann aber auch «auf die Art und Weise des mehrsprachigen Puschlavs» heissen, d. h. einen vom Puschlav ausgehenden Einfluss auf den Rest der Schweiz ausübend.

Dieses Jahr stand das Festival unter dem Motto «Tira fuori la lingua», zu Deutsch: «Raus mit der Sprache! » Bekanntlich fällt in den romanischen Sprachen das Wort für «Sprache» mit jenem für «Zunge» – «la lingua», «la langue», usw. – zusammen. Dank dieser Eigenart, die übrigens auch für das englische «tongue» gilt, kann «tira fuori la lingua» auch den kindlich-provokativen Gestus des Herausstreckens der Zunge bedeuten, was im Deutschen nicht möglich ist.

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Prisca Augustoni (links) im Gespräch mit Gianna Olinda Cadonau. (Bild: Alessandro Belluscio)

In Zeiten, in denen die Mehrsprachigkeit immer mehr zugunsten einer globalisierten Schweiz, in der Englisch dominiert, in Schieflage gerät, fordert dieses Festival zum Mut auf, die vier Landessprachen zu sprechen, zu schreiben und sich in ihnen lustvoll auszutauschen. Die aus der ganzen Schweiz angereisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller führten denn auch den Reichtum, den eine gelebte und gepflegte Mehrsprachigkeit aufweist, auf eindrückliche Weise vor.

Zu erwähnen wäre z. B. die Tessiner Autorin Prisca Augustoni, die seit Jahren in Brasilien lebt und ihre Gedichte auf Italienisch und Portugiesisch verfasst. Sie war im Gespräch mit der Bündner Schriftstellerin Gianna Olinda Cadonau, die ihrerseits Poesie auf Rätoromanisch und Deutsch publiziert. Thema war die produktive Reibung und Bereicherung, die sich beim Schreiben zwischen den Sprachen einstellen kann. Henri Michel Yéré, ein aus der Elfenbeinküste stammender promovierter Historiker und Dozent am Zentrum für Afrikastudien in Basel, war im Gespräch mit Carlotta Bernardoni-Jaquinta, während vielen Jahren Herausgeberin der italienischen Ausgabe des Jahrbuchs von Viceversa. Die beiden diskutierten anhand Yérés zweisprachigen Poesiebands über die inspirative Kraft, die aus der Begegnung von «nouchi», einem variantenreichen, dem Französischen nahen Soziolekt aus der Elfenbeinküste, mit dem Französischen entspringt. In der poetischen Begegnung dieser beiden Sprachen verwies Yéré immer wieder auf das Anklingen postkolonialer Themenkreise, was ihr auch eine stark politische Dimension zu verleihen vermag.

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Henri Michel Yéré im Gespräch mit Carlotta Bernardoni-Jaquinta. (Bild: Alessandro Belluscio)

Eigentlicher Star des Festivals war Kim de l’Horizon, der mit Silvia Albesano, seiner Übersetzerin ins Italienische, über die literarische Notwendigkeit von Übersetzungen debattierte. Der Autor zeigte sich daran interessiert, wie Albesano die nicht einfache Aufgabe gelöst hat, sein sprachintensives und sprachbewusstes «Blutbuch» zu übersetzen. Seiner Meinung nach ruft Literatur nach Übertragungen in andere Sprachen. Diese verleihen ihr eine notwendige Ergänzung, die ein sogenanntes Original aus seiner vermeintlichen Abgeschlossenheit erst befreien und es auf noch ungeahnte Horizonte hin zu öffnen vermag.

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Kim de l’Horizon im Gespräch mit Silvia Albesano. (Bild: Alessandro Belluscio)

Als letzte Begegnung sei jene mit der albanischen Erfolgsautorin Elvira Dones erwähnt, die zuerst auf Albanisch und dann auf Italienisch packende Romane über das Drama Albaniens in den letzten Jahrzehnten geschrieben hat. Gleich zu Beginn erinnerte sie in Bezug auf das Motto des Festivals an ein albanisches Sprichwort, das besagt, dass die Zunge keine Knochen hat, jedoch trotzdem aus gebrochenen Knochen besteht. In ihren Romanen beschreibt sie auf ergreifende Weise Schicksale vor allem von Albanerinnen, die unter der damaligen Diktatur schwer zu leiden hatten, aber auch darüber, wie sich seit dem Sturz der Diktatur letztlich nicht viel an der Unterdrückung vor allem von Frauen geändert hat. Auch bei ihr tauchte das Motiv der Befreiung auf, das aus der Begegnung mit anderen Sprachen und Kulturen – bei ihr Italienisch und Englisch – entspringt und sich weiterentwickeln kann.

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Elvira Dones schreibt Romane auf Albanisch und Italienisch. (Bild: Alessandro Belluscio)

Das Festival ging am Sonntagnachmittag mit einem Auftritt von Flurina Badel zu Ende, die für ihr Romandebüt «tschiera» den diesjährigen Literaturpreis des Kantons Grabünden gewann. Was dieses Festival auszeichnet, ist unter anderem die Absenz von Hektik, die oft andere Literaturfestivals prägt.

Zwischen den Diskussionen und Lesungen hatte man genügend Zeit, sich am reichhaltigen Büchertisch umzusehen, im schönen Poschiavo spazieren zu gehen oder bei Kaffee in einem der nahegelegenen Restaurants mit Freunden und Bekannten über das Gehörte zu plaudern. Poschiavo vaut bien un voyage!

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Flurina Badel durfte den Bündner Literaturpreis 2025 entegegen nehmen. (Bild: Alessandro Belluscio)

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