Niccolò Castelli: «Das Schweizer Kino prägt ein neues Verständnis von Heimat»
Das audiovisuelle Angebot hat sich verändert - und damit auch der Anspruch an Filmfestivals. Der Tessiner Filmemacher Niccolò Castelli künstlerischer Leiter der Solothuner im Interview über Herausforderungen und Chancen.
Der in Lugano geborene Filmemacher Niccolò Castelli teilt sich seit 2022 als künstlerischer Leiter die Direktion der Solothurner Filmtage (SFT) mit Monica Rosenberg auf, der administrativen Leiterin.
Im Interview mit Marco Baschera, emeritierter Professor für Literaturwissenschaft und Vorstandsmitglied bei ch-intercultur, blickt Castelli, auch als Tessiner, auf seine leitende Tätigkeit an den Solothurner Filmtagen zurück. Er spricht über den Wandel in der Bilderwelt, die Herausforderungen, die sich daraus für ein Filmfestival stellen und entwirft zudem Visionen für die Zukunft der Solothurner Filmtage.
«In unserem Alltag hat sich das audiovisuelle Angebot in den letzten Jahren stark verändert. [...] Wer nach Solothurn kommt, merkt schnell, dass wir hier versuchen, uns weder einem reinen «Konsum» von Filmen noch einem Personenkult hinzugeben.»
Niccolò Castelli, künstlerischer Leiter der Solothurner Filmtage
Marco Baschera: Herr Castelli, wie haben Sie die 60. Ausgabe der Solothurner Filmtage als künstlerischer Leiter erlebt?
Niccolò Castelli: Wenn ich auf diese Woche voller Filmvorführungen zurückblicke, bin ich vor allem dankbar – dem gesamten Team, den vielen freiwilligen Mitarbeitenden, den Filmschaffenden aus allen Bereichen der Filmindustrie und dem Publikum. Jede und jeder von ihnen hat dazu beigetragen, jene besondere Atmosphäre zu schaffen, die Solothurn seit 60 Jahren auszeichnet und die dieses Festival jung und zeitgemäss hält.
In unserem Alltag hat sich das audiovisuelle Angebot in den letzten drei bis vier Jahren stark verändert. Wir werden regelrecht mit Inhalten überflutet, und es fällt zunehmend schwer, sich wirklich die Zeit zu nehmen, einen Film zu geniessen, ihn zu reflektieren, sich mit anderen darüber auszutauschen und die Werke miteinander in Beziehung zu setzen – mit uns selbst und mit der Welt um uns herum.
Wer nach Solothurn kommt, merkt schnell, dass wir hier versuchen, uns weder einem reinen «Konsum» von Filmen noch einem Personenkult hinzugeben. Und damit wir diese Identität auch nach 60 Jahren in einer sich wandelnden Welt bewahren können, braucht es das Engagement aller Beteiligten. Und genau das passierte auch. Die Atmosphäre war entspannt, der Raum für den Austausch da – genau in die Richtung, die ich mir gewünscht hatte. Als Regisseur weiss ich, dass es für einen Film das Beste ist, wenn er an einem Festival in einem solchen Umfeld gezeigt werden kann. Die vollbesetzten Kinosäle haben bestätigt, dass es nicht nur mein persönliches Bedürfnis ist, sondern das vieler Menschen.
Tutti Giù – Im freien Fall, Niccolò Castellis erster Langspielfilm aus dem Jahre 2012, wurde am Filmfestival Locarno im Wettbewerb Cineasti del presente uraufgeführt. Nach verschiedenen Kurz- und Dokumentarfilmen brachte er 2021 Atlas heraus, sein zweiter Langspielfilm, der die Geschichte einer Gruppe von Freunden erzählt, die für die Besteigung des Atlasgebirges nach Marokko gereist sind und Opfer eines terroristischen Anschlags werden.
«Das Schweizer Kino prägt ein neues Verständnis von Heimat. [...] Heute sind viele Filmschaffende in der Schweiz vielleicht selbst Kinder von Migrant:innen. Dadurch entsteht eine Schweiz, die ihr Heimatgefühl auch im Dialog mit anderen Ländern und Kulturen sucht.»
Niccolò Castelli, künstlerischer Leiter der Solothurner Filmtage
Sehen Sie in den drei Jahren, die Sie nun die Filmtage leiten, Entwicklungen sowohl im künstlerischen, wie auch im gesellschaftspolitischen Bereich?
Ich bin mehr denn je überzeugt, dass es – in der Filmbranche ebenso wie in der Gesellschaft und der Politik – Räume braucht, in denen wir uns mit komplexen Themen auseinandersetzen können. Und zwar nicht auf oberflächliche Weise, sondern mit der nötigen Zeit, Offenheit und auch Leichtigkeit. In der jungen Generation sehe ich genau dieses Bedürfnis – sowohl im Publikum als auch bei den Filmschaffenden.
Es ist eine andere Form von Engagement als jene der Filmemacherinnen und Filmemacher, die die Solothurner Filmtage vor 60 Jahren gegründet haben: weniger Antworten, mehr Fragen. Weniger Lärm, mehr Raum für Gedanken und Emotionen – denn Lärm gibt es in unserer Gesellschaft bereits genug. Widerstand bedeutete früher, laut zu sein und Ideologien stark zu vertreten. Heute muss man im Lärm Stille und Reflexion suchen.
Zudem prägt das Schweizer Kino ein neues Verständnis von Heimat – ein Wort, das ich auf Deutsch liebe, weil es stark mit Emotionen verbunden ist und das es im Italienischen in dieser Form gar nicht gibt. Heute sind viele Filmschaffende in der Schweiz vielleicht selbst Kinder von Migranten, haben Wurzeln auf dem Balkan oder in anderen Teilen der Welt, kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen. Dadurch entsteht eine Schweiz, die ihr Heimatgefühl auch im Dialog mit anderen Ländern und Kulturen sucht. Das Kino wird so zum Spiegel der Gesellschaft und der politischen Debatten.
«Es ist nicht selbstverständlich, ein Festival in einem sich stetig verändernden Umfeld zu führen.»
Niccolò Castelli, künstlerischer Leiter der Solothurner Filmtage
Erinnern Sie sich noch an die Erwartungen und die Ängste, die sie zu Beginn Ihrer Tätigkeit hatten?
Natürlich. Ich habe grossen Respekt vor den Filmen anderer Regisseurinnen und Regisseure, weil ich aus eigener Erfahrung weiss, wie schwer es ist, einen wirklich guten Film zu machen. Und ich habe ebenso grossen Respekt vor all jenen, die die Solothurner Filmtage über die Jahre geprägt und weiterentwickelt haben.
Es ist nicht selbstverständlich, ein Festival in einem sich stetig verändernden Umfeld zu führen. Wir sind dankbar, dass wir Partnerinnen und Partner an unsrer Seite haben, um die Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Viele Menschen in Solothurn haben Herzblut und Leidenschaft investiert, um die Filmtage zu dem zu machen, was sie heute sind. Das nehme ich keinesfalls als gegeben hin, auch die Institutionen, Stiftungen und Sponsoren. Es ist ein Vertrauensprozess, den ich sehr schätze und der gepflegt werden muss. Und natürlich habe ich mich gefragt, ob ich dieser Verantwortung gerecht werden kann.
Aber ich habe ein unglaublich engagiertes, kompetentes Team vorgefunden, eine Stadt, die das Festival mitträgt, und dadurch viele inspirierende Begegnungen erlebt. Auch die Ko- Leitung mit der operativen Leiterin Monica Rosenberg macht alles einfacher. Es funktioniert gut. Ich selbst konnte viel davon profitieren und lernen.
Einem Kollegen oder einer Kollegin mitzuteilen, dass sein oder ihr Film nicht ausgewählt wurde, ist nicht einfach – im Gegenteil, es ist eine der schwierigsten Aufgaben. Aber gerade weil ich den Schmerz und die Leidenschaft dahinter verstehe, und weil es immer eine Teamentscheidung ist, kann ich damit umgehen.
«Von Anfang an habe ich mich für eine stärkere Präsenz der italienischen Sprache eingesetzt, ohne sie aufzwingen zu wollen.»
Niccolò Castelli, künstlerischer Leiter der Solothurner Filmtage
Wie erlebten Sie den Start als künstlerischer Leiter der SFT als Tessiner, das heisst als Vertreter einer sprachlichen Minderheit in der Schweiz? Welches waren und sind vielleicht immer noch die Probleme und welches die Chancen?
Zunächst möchte ich betonen, dass im Team der Solothurner Filmtage alle Sprachregionen, kulturellen Hintergründe und Generationen vertreten sind. Das ist eine grosse Bereicherung, und es gab nie einen Moment, in dem ich mich als Fremder gefühlt hätte. Und auch in der Stadt: Solothurn ist eine Region mit einer starken Migrationsgeschichte, und es passiert oft, dass mich jemand in meiner Muttersprache anspricht.
Von Anfang an habe ich mich für eine stärkere Präsenz der italienischen Sprache eingesetzt, ohne sie aufzwingen zu wollen. Im Gegenteil, wollte ich einen lebendigen, spielerischen Dialog zwischen den Landessprache fördern – denn Kultur entsteht im Austausch.
Eigentlich müsste es mich mehr überraschen, dass dieser Aspekt immer wieder thematisiert wird – von Anfang an und bis heute. Mir fällt heute mehr denn je auf, dass mein Selbstverständnis als Teil eines multikulturellen Landes – das für mich weit über die sprachlichen Grenzen hinausgeht – nicht für alle selbstverständlich ist. Ich habe mich gefragt, ob und wie ich gegen gewisse Klischees ankämpfen sollte, um dann zu erkennen, dass ich einfach sein kann, wer ich bin, geprägt von meinen Wurzeln.
Wer in einer Minderheit lebt, hat oft das Gefühl, mehr leisten zu müssen, um als gleichwertig anerkannt zu werden – härter zu arbeiten, besser zu sein. Diese Energie kann aber auch positiv genutzt werden. Der grösste Fehler wäre es, sich in eine Opferrolle zu begeben oder in eine Haltung der Unsicherheit zu verfallen, die eine ständige Bestätigung von aussen sucht. Das gilt ebenso für Genderfragen sowie für Fragen bezüglich Migrationshintergrund. Letztlich geht es um Inhalte, und wenn sie relevant sind, begeistern sie die Menschen. Meine Aufgabe ist es, Raum für Inhalte zu schaffen, ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu verteidigen und Verbindungen zwischen den Menschen herzustellen.
«Englisch als Einheitssprache einzuführen wäre eine enorme Verarmung. Unsere sprachliche Vielfalt ist Teil unserer Identität – sie macht uns einzigartig und unterstreicht unsere Rolle als nationale Plattform.»
Niccolò Castelli, künstlerischer Leiter der Solothurner Filmtage
Welche Bedeutung geben Sie politisch und kulturell der Mehrsprachigkeit der Schweiz in Zeiten der Globalisierung? Inwiefern ist für Sie die Schweizer Mehrsprachigkeit wichtig an den Solothurner Filmtagen und wie versuchen Sie, ihr vermehrt gerecht zu werden?
Die Solothurner Filmtage sind eine nationale Veranstaltung. Ich besuche das Festival seit 2006 und habe es nie als lokal empfunden – Mehrsprachigkeit ist daher essenziell.
In unserem Team sprechen wir konsequent keine gemeinsame Drittsprache wie Englisch. Unsere internen E-Mails sind oft ein amüsantes Durcheinander aus Italienisch, Deutsch und Französisch – was zeigt, dass wir die sprachliche Vielfalt wirklich leben. Wir untertiteln alle Filme auf Deutsch und Französisch, auch wenn das ein grosser organisatorischer Aufwand ist.
Noch sind wir nicht da, wo wir hinwollen – eine vollständige Dreisprachigkeit mit Berücksichtigung des Rätoromanischen bleibt ein Ziel. Doch wir machen Fortschritte: Alle Podiumsdiskussionen werden simultan übersetzt, und alle praktischen Informationen sind in drei Sprachen verfügbar.
Wir sind überzeugt, dass diese Mehrsprachigkeit unsere Stärke ist. Manche fragen uns, warum wir nicht einfach Englisch als Einheitssprache einführen. Doch das wäre eine enorme Verarmung. Unsere sprachliche Vielfalt ist Teil unserer Identität – sie macht uns einzigartig und unterstreicht unsere Rolle als nationale Plattform.
«Mir ist es wichtig, den Austausch auf Augenhöhe zu fördern – zwischen Generationen, Sprachregionen und Geschlechtern. Ich bin nicht daran interessiert, das Festival einfach nur wachsen zu lassen. Weniger kann manchmal mehr sein.»
Niccolò Castelli, künstlerischer Leiter der Solothurner Filmtage
Haben Sie Visionen für die kommenden Jahre als künstlerischer Leiter der SFT?
Die Kultur- und Filmbranche verändert sich rasant. Wir müssen diese Entwicklungen verstehen, um, was die Solothurner Filmtage auszeichnet, zu bewahren und weiterzuentwickeln. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die Filme und das Publikum von selbst kommen. Das kulturelle Angebot ist heute grenzenlos, und gleichzeitig steigen die Kosten. Doch die Gesellschaft braucht Orte des Dialogs, der Reflexion und der Perspektiven in Bezug auf die Welt. Die unabhängige Kultur zu stärken, ist deshalb essenziell.
Mir ist es wichtig, den Austausch auf Augenhöhe zu fördern – zwischen Generationen, Sprachregionen und Geschlechtern. Ich bin nicht daran interessiert, das Festival einfach nur wachsen zu lassen. Im Gegenteil: Weniger kann manchmal mehr sein, wenn es den Filmen, den Filmschaffenden und dem Publikum mehr Raum für echte Begegnungen gibt. Das Festival muss Kompass und Landkarte bieten, nicht ein Chaos aus zu vielen Inhalten.
Ich wünsche mir, dass unser Publikum noch vermehrt nach Solothurn kommt, um sich überraschen zu lassen. Wir geben eine Brille vor, durch die ein Film betrachtet werden kann – aber das Publikum entdeckt ihn selbst, stellt eigene Fragen und setzt ihn in Beziehung zur eigenen Welt.
Und all das mit Leichtigkeit – nicht zu verwechseln mit Oberflächlichkeit, sondern als Schlüssel, um Herzen und Köpfe für neue Perspektiven zu öffnen, ohne dass das Ego dominiert und ohne kulturelle Blasen zu schaffen, die diejenigen ausschließen, die nicht dazugehören. Unser Alltag zeigt uns gerade, wie dringend wir solche Räume brauchen.