«Wir sehen die Kultur, Kunst und Wissenschaft als Bereich, der verbindet»
Seit 15 Jahren treffen sich jährlich nationale und internationale Akteur:innen aus Kunst, Architektur und Wissenschaft an den Engadin Art Talks (E.A.T.) in Zuoz, um den Austausch im Sinne des sozialen Wandels zu pflegen. cültür sprach mit dem Mitkurator Philip Ursprung, Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich.
cültür: Philip Ursprung, das Thema der diesjährigen Engadin Art Talks ist «Bonds and Gaps». «Bond» ist einerseits ein Ausdruck aus der Finanzwelt, bedeutet aber auch «emotionale Bindung» oder auch «Verpflichtung», Gap steht für die Lücke. Ist dieses Motto ein positiver Gegenentwurf zur kulturellen Aneignung, die es im Sinne eines woken Diskurses zu vermeiden gilt?
Philip Ursprung: In der gegenwärtigen Situation, wo stark getrennt, polarisiert und segregiert wird, sehen wir die Kultur, Kunst und Wissenschaft als Bereich, der verbindet. Uns interessiert in jeder Ausgabe der Engadin Art Talks das Zusammenführen durch die Kunst. Um nicht eine utopische Veranstaltung zu gestalten, verweisen wir auch auf die Gaps, die Unterschiede und Trennungen. Dadurch wollen wir eine Spannung zwischen zwei Begriffen erzeugen, die dazu inspirieren soll, über das Trennende und Verbindende nachzudenken.
Die Engadin Art Talks verstehen sich als transdisziplinäre Plattform, die einen Diskurs zwischen den Künsten inspirieren und zum Austausch von Wissen anregen soll. Im Zentrum soll dabei der positive soziale Wandel stehen. Welche Rolle spielt dabei die Architektur?
Die Architektur ist ein verbindendes Element und hat an erster Stelle den Schutz von Lebewesen, Mensch und Tier, zur Aufgabe. Über die gesamte Geschichte der Architektur hinweg organisiert sie räumlich das Zusammenleben. Daher ist die Architektur ein Bereich, in dem von vornherein die Disziplinen zusammenlaufen. Sie ist weniger spezialisiert als bestimmte Bereiche der Bildung oder der bildenden Kunst, weil sie Politik, Ökonomie, Materialkunde und den sozialen Bereich mit vielen Akteuren einbezieht. Daher bietet sich die Architektur für transdisziplinäre Dialoge besonders gut an.
Wegen ihres funktionalen Nutzens wird die Architektur den anderen Künsten oft untergeordnet. Wie definieren Sie als Professor für Kunst- und Architekturgeschichte Architektur?
Es gibt eine Phase in der Kulturgeschichte, in der die Architektur als die Mutter aller Künste bezeichnet wird. Zurzeit sind die Disziplinen eher getrennt. Ich würde sagen, dass Architektur keine Kunst ist, aber ein Bereich, der von der Kunst sehr viel profitiert und umgekehrt.
Lucius Burckhardt und Max Frisch kritisierten bereits in den 50er-Jahren die Zersiedelung der Schweiz. Die Zweitwohnungsinitiative stoppt zwar die Zersiedelung, verstärkt aber die Wohnungsknappheit in den Bergregionen. Die neue Stadt, die Burckhardt und Frisch forderten, ist nie entstanden. Welche Inspiration erhoffen Sie sich von den Gästen aus der Architektur an den E.A.T?
Eine Tagung oder eine Person kann bei dieser Herausforderung nicht viel ausrichten. Die Kritik von Lucius Burckhardt und Max Frisch ist ja auch eine Warnung vor dem Wachstumsglauben, dessen Logik impliziert, dass immer neu gebaut werden muss. Die Akteure aus der Architektur, die wir eingeladen haben, setzen sich stark mit den bestehenden Möglichkeiten auseinander, anstatt neu zu bauen – oder sie greifen etwas Vergessenes auf wie zum Beispiel die Kaserne auf dem Furkapass, die Jan De Vylder 2022 bis 2024 in eine temporäre Architekturschule verwandelte. Mariam Issoufou hingegen greift in ihren Bauten unter anderem die traditionelle Alltagskultur von Westafrika auf.
Auf längere Sicht hoffen wir, dass wir durch die E.A.T. einen Impuls geben können, um den Wachstumsglauben, der gerade im Engadin mit immer neuen Bauten eine sichtbare Fortsetzung findet, zu revidieren.
Viele Engadiner Häuser sind mittlerweile im Besitz von Unterländern, während der Wohnraum für die Einheimischen immer knapper wird. Die Dorfkerne mit ihren Plätzen verlieren an Bedeutung, weil die Häuser nur noch während ein paar Wochen im Jahr bewohnt sind. Hier schafft also Architektur eine soziale Segregation, die letztendlich die Identität und Struktur einer Region zerstört. Andererseits liegt der Luxustourismus auch in der DNA des Oberengadins. Wie gehen die Engadin Art Talks, die von einem illustren Publikum leben, mit dieser Ambivalenz um?
Diese Ambivalenz wollen wir produktiv machen. Zuoz selbst, wo die Talks stattfinden, ist natürlich geprägt von der Gentrifizierung. Das deutlichste Zeichen ist das Verschwinden der Jugendherberge, was gerade dem jüngeren Publikum gar nicht mehr erlaubt, an die Engadin Art Talks zu kommen, da sich kaum jemand mehr die Hotelpreise in der Region leisten kann. Auf der anderen Seite steht die Tradition eines internationalen, elitären, luxuriösen Tourismusortes, den St. Moritz verkörpert. Wir probieren, das Zusammenkommen an einem exklusiven Ort auch als Möglichkeit zu nutzen, in Ruhe während zwei, drei Tagen konzentriert über Alternativen zur heutigen Gesellschaft nachzudenken. Das ist ein Format, das heute relativ selten ist.
Dieses Jahr findet bereits die 15. Ausgabe statt. Konnten die Talks in der Vergangenheit zu konkreten Anstössen führen?
Während Covid konnten wir die Talks nicht vor Ort durchführen. Daher haben wir die Talks online veranstaltet. Da haben wir festgestellt, dass die Talks es geschafft haben, über die Zeit eine gewisse Gemeinschaft zu bilden. Das ist ein wichtiges, konkretes Resultat der Tagungen. Das andere sind unzählige Begegnungen zwischen Wissenschaftlern und Künstlern. Ich lerne jedes Mal viele neue Leute kennen, und in vielen Fällen entstanden daraus auch Forschungsprojekte oder Studienreisen mit meinen Studierenden.
Als einziger lokaler bildender Künstler ist dieses Jahr der Davoser Jules Spinatsch vertreten. Wie machen Sie jemandem, der Spinatsch noch nicht kennt, neugierig auf dessen Werk?
Jules Spinatsch ist jemand, der seit vielen Jahren die Grenze und den Horizont der Fotografie erweitert, mit der fotografischen Wahrnehmung spielt und an der Verbindung zwischen Fotografie und traditioneller bildender Kunst arbeitet.
Emily Cross ist eine Tänzerin und Neurowissenschaftlerin. Sie leitet das Social Brain Sciences Lab an der ETH Zürich, wo sie untersucht, wie verkörperte Erfahrungen die soziale Wahrnehmung und das Lernen beeinflussen. Lassen sich daraus auch Erkenntnisse für die Architektur gewinnen?
Die Frage der Bewegung des Körpers und der Wahrnehmung ist natürlich ein wichtiger Aspekt der Architektur. Es ist auch immer wieder eine Herausforderung, von der Abstraktion, vom Plan, der etwas organisiert, ohne die menschlichen Körper einzubeziehen, überzugehen zu einer Situation, in der der menschliche Körper in Bezug zur gebauten Umgebung steht. Das kann die Architektur natürlich auch ohne die Neurowissenschaft machen. Die Frage, was man vom Tanz, von der Choreographie, lernen kann, ist aber für viele im Moment sehr interessant.
In unserer Gesellschaft gibt es sehr wenig öffentliche Räume, die zum Tanzen einladen…
Ja, das stimmt. So etwas wie einen Ballsaal findet man nur noch an den wenigsten Orten. Die Grösse ist ein Aspekt, der andere, wie man mit dem Kommen und Gehen von vielen Menschenn, mit Musik und Lärm umgeht. Die Talks finden in Zuoz in einer Turnhalle, die auch als Gemeindesaal genutzt wird, statt. An früheren Veranstaltungen wurden auch schon Tänze performt. Aber vielleicht kommt es dieses Mal zu einem kollektiven Tanz, das wäre schön.
Diese Ausgabe wird vom plötzlichen Tod Ihrer Mitstreiterin Koyo Kouoh überschattet. Welche Erinnerungen haben Sie an Koyo Kouoh?
Sie verstarb völlig überraschend und hinterlässt eine grosse Lücke. Koyo war ein grossartiger Mensch, unglaublich vital und voller Ideen und Energie. Wenn sie den Raum betrat, war sofort eine Freundlichkeit und Verbindlichkeit da. Ich kannte sie vorher kaum. Aber während der wenigen Sitzungen begann ich sofort, sie gern zu haben. Sie war sehr direkt, sehr offen und auch sehr neugierig. Sie behauptete nicht, bereits alles zu wissen, sondern wollte gemeinsam etwas herausfinden. Sie brachte durch ihre Verbindung Südafrika–Schweiz eine enorm wichtige Horizonterweiterung. Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem ich sagte, dass sich die Gegenwartskunst aus der Gesellschaft verabschiedet habe und exklusiv geworden sei. Und sie meinte, das sei für die eurozentrische Kunst tatsächlich der Fall. Aber an vielen afrikanischen Orten sei die Kunst sehr wohl Teil der Gegenwart und der Populärkultur und wirke gemeinschaftsstiftend. Das hat mich inspiriert, dem auf den Grund zu gehen.
Der Blick auf afrikanische Kunst zwingt uns auch zur Aufarbeitung unserer kolonialen Vergangenheit.
Fast noch interessanter als die koloniale Aufarbeitung, bei der ja immer die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte den Impuls liefert, ist die Erkenntnis, dass der eurozentrische Blick zu eng ist. Was wir hier als Gegenwartskunst bezeichnen, gilt nicht für überall. Wir haben viel zu lernen von anderen Kunstzentren, die sich am Rand unseres Sichtfeldes befinden.
Versuchen die Engadin Art Talks, Kouohs Perspektive auch weiterzuführen?
Die Basis der E.A.T. ist eurozentrisch. Die Kurator:innen sind hauptsächlich in Europa und den USA tätig, aber die Idee ist, möglichst viele Perspektivwechsel anzubieten. Mit unseren Satelliten in Genf, Paris, London und Zürich probieren wir auch, andere Plattformen zu etablieren. Es geht nicht darum, eine koloniale Geste zu wiederholen und mit den Talks zu expandieren, sondern das Privileg zu nutzen, in Frieden und künstlerischer Freiheit miteinander reden zu dürfen, um unsere Zeit klarer zu sehen und gemeinsam positive Impulse zu schaffen.
Engadin Art Talks, 23. bis 25. Januar, Zuoz. Hier geht's zum Programm.
Hikma Community Complex von Mariam Issoufou Architects (Bild: James Wang) Palais des Expositions / Charleroi / BE von Jan de Vylder und Inge Vinck. (Bild: zvg) House Lieve Bloemen Lus / Lievegem / BE von Jan de Vylder und Inge Vinck. (Bild: Filip Dujardin)
Philip Ursprung (geb. 1963) ist ein Schweizer Kunsthistoriker, Kurator und Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich. Er lehrte an der Universität der Künste Berlin, der Columbia University New York, der Cornell University und der Universität Zürich. Er ist Autor von «Die Kunst der Gegenwart» (2010), «Allan Kaprow, Robert Smithson, and the Limits to Art» (2013) und «Joseph Beuys: Kunst Kapital Revolution» (2021). Mit der Ausstellung «Nachbarn» vertrat er gemeinsam mit Karin Sander die Schweiz auf der 18. Architekturbiennale Venedig. (pd)