Eine poetisch-furiose Klangreise
Mit ihrer neuen Spoken-Word-Produktion «Ennetlands» führen Fitzgerald & Rimini an unbekannte Orte.
Sich dem Unsichtbaren, Unhörbaren anzunähern, Wege und Verfahren zu entwickeln, das Ungesagte, vielleicht Unsagbare zugänglich zu machen – daran arbeitet die Kunst, seit es sie gibt. Auch wenn so manche Künstler:in an diesem Anspruch scheiterte: Was zählt, ist das Abenteuer, immer wieder von Neuem das, was jenseits des Offensichtlichen liegt, zu wecken und herauszufordern. Um es gleich vorwegzusagen, Fitzgerald & Rimini scheitern nicht, ihr Abenteuer gelingt. Denn ihre neue Produktion «Ennetlands» öffnet einen Blick hinter die Kulissen des Offensichtlichen, der seinesgleichen sucht.
Natürlich spricht das Schweizer Duo, bestehend aus der Autorin und Performerin Ariane von Graffenried und dem Musiker und Komponisten Robert Aeberhardt, nicht trivial von «Jenseits», das wäre Metaphysik oder Religion. Für ihr Klang- und Geisterreich der subtilen Zwischentöne und Zwischenwesen haben sie den schönen, vom Berndeutschen «änet» (für: «auf der anderen Seite») abgeleiteten Begriff «Ennetlands» gefunden. Das hat etwas Archaisches, zugleich Rätselhaftes und Fremdartiges.
In sieben Stücken (oder sind es Gedichte? Spoken-Word-Texte? Klangarrangements?) besuchen Graffenried und Aeberhardt unbekannte, oft verborgene oder unerreichbare Orte. Darunter ein riesiges Aquarium in einem amerikanischen Freizeitpark, ein 2017 im Berner Jura entdecktes Grab aus der Bronzezeit, einen sich auflösenden Gletscher, ein Raumschiff auf dem Weg zum Mars, ein Zirkuszelt mit einer Zauberkünstlerin.
«Leave the luggage / voller Quatsch» und: «I take your ache, / I take your hands, / I take you / to the Ennetlands» flüstert die Erzählerin verschwörerisch. Und los geht’s – auf eine poetisch furiose, sprachlich und musikalisch virtuose Klangreise durch Zeiten und Welten.
Aus Natursound wird Nature-Writing mit politischem Anspruch
Was Fitzgerald & Rimini-Fans von früheren Produktionen kennen (zuletzt erschien 2019 die Spoken-Word-CD „50 Hertz“), das bis ins kleinste Detail durchdachte und durchkomponierte Miteinander von Wort und Klang, wird in «Ennetlands» um weitere Dimensionen ergänzt. Aeberhardt setzt beim klanglichen Zusammenspiel mit Graffenrieds Texten nun auch elektronisch leicht verfremdete und von Instrumenten (Maja Nydegger: Klavier, Simon Rupp: Gitarre, Samuel Baur: Vibraphonette, Kevin Chesham: Schlagzeug, Vera Schnider Harfe) begleitete Naturklänge ein. Darunter Aufnahmen von Unterwassertönen, Marswinden, vom Rauschen des Blutkreislaufs, dem tosenden Bergsturz von Brienz oder in verschiedenen Gletschern aufgenommene Töne vom Fließen und Krachen der Eisschollen. Zusammen mit der verblüffend kreativen, biegsamen, meist mehrsprachigen (Englisch, Französisch, Hochdeutsch, Schweizerdeutsch) Lyrik, den originellen Reimen und den mal melodiös hellen, mal raunenden, mal fast komödiantischen Stimmen von Ariane von Graffenried und Franziska Bruecker, unterlegt vom zuverlässig pulsierenden Beat der Aeberhardtschen Kompositionen, wird aus diesem Natursound ein Nature-Writing der besonderen, stellenweise fast mimetischen Art.
Doch es geht bei «Ennetlands» nicht nur um ein genaues Erfassen von Naturtönen und ihre sprachliche Übersetzung. Hinter dem formal beeindruckenden Projekt steht, wie immer bei Fitzgerald & Rimini, ein politischer Kontext. Da wäre die Elegie auf eine sterbende Natur, verkörpert im Abgesang eines Gletschers, der in jazzrockigen Rhythmen ins Tal hinab «tränt», oder im verwunderten Gepolter eines Schweizerdeutsch sprechenden Berges, dessen vom auftauenden Permafrost gelöste Felsbrocken mit Karacho („Es het polet, es het gräblet“) ins Tal stürzen und vergessen, wer sie einst waren:
I bi abgstürzt irgendwie u blibe, so wies usgseht, di nächschte x Jahr hie. I weiss scho bald nümm, wär i bi.
Archäologischen Grabschändung
Es wird witzig, wie so oft bei diesen Hörstücken, wenn Animismus und moderne Zivilisation aufeinanderprallen und sich übereinander wundern. Beispielsweise im zweiten Stück «Die Bronzehand von Prêles», in dem ein aus den ewigen Jagdgründen seines Grabes gerissener Fürst aus der Bronzezeit einem jurassischen Revierförster und Gendarmen begegnet, der sein perplexes Gegenüber in drei Sprachen fragt, ob dieser vielleicht eine Anzeige erstatten möchte. Was musikalisch untermalt von nächtlichen Waldgeräuschen und den Klängen einer Bassgitarre wie eine Spukgeschichte beginnt, endet mit dem melancholischen Abschied des dreitausend Jahre alten Adligen, der sich «bettelköniglich» stumm und erhaben im Frittierdunst einer Dorfwirtschaft aus dem Staub macht. Wo sich der Förster anfangs über den Gestank eines Fremden und dessen selbstgebastelte Kleidung aufregt, ihn für einen «Sektenbruder, Sans Papier, Sonntagsschamanen» hält, stellt sich auch bei ihm nach und nach eine Ahnung, ja fast ehrfürchtige Scheu vor der hier, in dieser märchenhaften Skizze inszenierten Kluft der Zeiten und Welten ein.
Mit dieser Geistererzählung einer archäologischen Grabschändung kommen wir zur zweiten politischen Dimension von «Ennetlands»: zur Konfrontation mit dem Fremden, zum Jenseits herkömmlicher und vertrauter Sozialstrukturen, zu den Verzauberungen und Verwerfungen einer Gesellschaft, die sich danach sehnt, aus ihren gewohnten Bahnen auszubrechen, es selbst aber nicht schafft oder nicht wagt und stattdessen an Künstler:innen outsourct.
Dass diese Künstlerinnen – bei Graffenried sind es ausschließlich Frauen – dafür schlecht bezahlt werden, überrascht nicht. Da wäre zum Beispiel die Showschwimmerin Unda Wells. Unda arbeitet in einem abgehalfterten amerikanischen Südstaatenkaff «in einem alten Unterwasser-Theater». In dessen riesigem Aquarium dreht sie, zwischen Schildkröten, Rochen, Haien und Seekühen dreimal täglich ihre Runden, bekleidet im aparten Nixenlook mit einem Muschelbikinioberteil und einem Fischschwanz aus rotem Silikon. «Unda schwimmt lächelnd, für 10 Dollar die Stunde», heißt es im Text, gewissermaßen als Pointe dieser sehr speziellen Ausbeutung weiblicher Serviceleistungen. Das staunende Publikum, bestehend aus Kindern und Rentner:innen, träumt dabei von Disneys Arielle oder Hans Christian Andersens kleiner Seejungfrau. Hier werden, wie überall in der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie, mit Träumen Geschäfte gemacht, den der Kinder und Alten wie denen der schwimmenden Sirenen und Undinen.
Referenzen so weit das Auge reicht
Wie so oft bei Graffenried verweisen der Name der Protagonistin dieser «magical story hinter Glas», aber auch andere intertextuelle Bezüge auf weitere, über das Fait divers der Wasserschau hinausgehende Stoffe. Zum einen wäre da der Undinen-Mythos zu nennen, der von Friedrich de la Motte Fouqués romantischem Märchen, über Ingeborg Bachmanns Erzählung bis zu Alban Nicolai Herbsts Komödie die Kehrseiten des weiblichen Liebesopfers erzählt. Etwa wenn Unda Wells ihren Geliebten, einen «Mann mit traurigem Geist, zerschürften nails und bösen Träumen» kennenlernt, einen alkoholkranken Tätowierer, der sie in berühmt-berüchtigter Mackie Messer-Manier ausnützt und verlässt.
Zum anderen verweist die musikalisch hochkomplexe, aus Strophen und Refrain gebaute Moritat mit den berühmten Schlussversen «I have heard the mermaids singing» aus T. S. Eliots «The Love Song of J. Alfred Prufrock» auf dessen Klage über Einsamkeit und Vergänglichkeit. Und wenn Unda Wells «who grew old am Grunde / eines gewundenen Flusses» am Ende des Stücks dem «immortal sound» ihres eigenen Schicksals lauscht, ergreift einen bei diesem Sirenengesang, dem «Lied für Unda Wells», die ganze trostlose Traurigkeit eines Frauenlebens in der US-amerikanischen Provinz. Vom Ende der LP/CD aus betrachtet, erweist sich das Unterwasserreich der Undine auch als Vorgeschmack auf eine spätere, im letzten Song «Ennet» zur Sprache kommenden Todesvision:
I take your ache, I take your hands, I take you to the Ennetlands. Dort treffen wir die Toten Und sagen nie goodbye, atmen under water und fliegen ohne Scheu.
Der Menschheit ein Abschiedsliedchen singen
Auch das vierte und fünfte Stück handeln jeweils von einem außergewöhnlichen Fait divers. «Mother on Mars» erzählt die Geschichte der achtjährigen Molly Ride, deren Mutter ins Koma fällt, künstlich beatmet wird und «in der Obhut der Maschinen», im Gewirr der Schläuche und medizinischen Apparate der Intensivstation, dem Kind wie eine Astronautin auf dem Weg zum Mars erscheint. 198 Tage verbringt sie in diesem Schwebezustand zwischen Leben und Tod, was in etwa der Dauer einer Reise zum Mars entspricht. Molly sieht ihre Mutter nur noch «im sirrenden Licht der Kapsel» und streckt abends am Fenster ihre kleinen Hände ins All, während sie – begleitet von Originalgeräuschen, die die NASA bei Marsexpeditionen aufzeichnete – auf das Erwachen der Mutter wartet. Harfenklänge, Schlagzeug und Gitarre machen aus dieser kindlichen Vision eine Art wehmütige Weltraumballade.
Im fünften Stück «Trixies Trick» geht es um ein kleines, utopisches Zaubermärchen, in dem eine im Zirkus auftretende Trickkünstlerin einen sie allabendlich mit begehrlichen Blicken anstarrenden Herzog verhext, indem sie ihn kurzerhand in Musik verwandelt. Die Geschichte spielt im frühen 20. Jahrhundert, als das Unterhaltungskino und erste Schallplatten den Manegenzauber des 19. Jahrhunderts mit seinen Akrobaten, Clowns, Schwertschluckern, Löwen, Elefanten und Magiern allmählich verdrängen und moderne technische Medien das Ancien Régime zum Verschwinden bringen. Als der Herzog Trixies faszinierendem Charme und der Bohème-Romantik des Zirkus verfällt, sperrt diese ihn, ganz Femme fatale, in die Rille einer sich endlos drehenden Schallplatte. Die alte Zirkusleier wird sodann mit einer via LP beliebig reproduzierbaren, zwischen Variétéchanson und Ritournelle changierenden Musik wiedergeben:
Und dann und wann und dann, ils tournent et tournent et tournent et tournent et tournent, les chevaux, les éléphants, les léopards en rond, en rond, en rond, en rond zu einem alten Chanson, tauchen auf und verschwinden en passant.
Das Verschwinden des adligen Kunstverehrers in einer Schallplatte ist ebenso überraschend wie einleuchtend. Denn wo wären die alten Lieder besser aufgehoben als in modernen Reproduktionsmedien?
Vielleicht gibt es so etwas wie eine Poetik oder «Methode Graffenried»: Nimm eine Fait divers, eine kleine, etwas spezielle Geschichte, dreh‘ sie wie eine Spindel um die eigene Achse bis sie zu singen und zu tanzen beginnt und dabei so allerhand märchenhaftes Garn hervorbringt: Lieder von 10 Dollar-Meerjungfrauen, auferstandenen Bronzezeit-Prinzen, komatösen Marsreisen und medialen Verhexungen. Oder von verschwindenden Gletschern, die – mit apokalyptischer Poesie und Paul Celan («Schneebett») – der sterbenden Menschheit ein Abschiedsliedchen singen:
Wir fallen, wir fallen Und liegen wie Schnee. Gehen aus der Welt, wir waren, wir sind, wir liegen und sehen ihr hinterher.
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Fitzgerald & Rimini Ennetlands LP inkl. CD und Booklet 1. Auflage 2025 EAN 978-3-03853-219-4 32.- CHF Verlag: Der gesunde Menschenversand, Luzern menschenversand.ch