Spurensuche in der längst verwehten Asche
Wie kam es zum Brand des legendären Grandhotels «Waldhaus Vulpera», das 1989 den Flammen zum Opfer fiel? Regisseur Roman Vital begibt sich mit Rolf Zollinger, dem letzten Direktor des Hotels, auf Spurensuche. Sein Film «Herbstfeuer» läuft seit dieser Woche in ausgewählten Schweizer Kinos.
Vier einsame griechische Säulen stehen im Unterengadin. Zwischen ihnen führt ein schmaler Kiesweg hindurch, auf dem ein älterer Mann mit Schiebermütze entlang schreitet. Hochkonzentriert spricht er immer wieder auf Rätoromanisch: «Wo brach das Feuer des Hotels aus?», als befrage er die beiden gebogenen Metallfühler, die er vor sich in die Luft streckt. Ein zweiter Mann folgt ihm mit langen Schritten und aufmerksamem Blick, in bewusstem Abstand, als wolle er die geheimnisvollen Schwingungen nicht stören: Rolf Zollinger. Er war der letzte Direktor des Grandhotels «Waldhaus Vulpera», das hier vor bald 37 Jahren komplett niederbrannte.
«Hier», die Pendel des sogenannte Wünschelrutengängers schlagen aus. Schnell markiert er die Stelle mit einem Stein. «Rolf, mein Pendel sagt: Es war Brandstiftung. Brandbeschleuniger wurden eingesetzt. Hier wurde das Feuer gelegt.»
Die erste Szene in «Herbstfeuer» hat etwas von einer Geisterbeschwörung. Und tatsächlich ist der Film ein Versuch, die Vergangenheit zum Sprechen zu bringen. Denn Vulpera in der Gemeinde Scuol, Graubünden, trägt ganz schön viel Geschichte in sich. Eine Geschichte, die noch nicht auserzählt ist. Zumindest nicht für Rolf Zollinger, den das tragische Ende des Hotels nie losliess. Weil die Ursachen des Brandes vor fast vier Jahrzehnten nie geklärt werden konnten, rollte Zollinger den Cold Case nun wieder auf, gemeinsam mit seinem Freund, dem ehemaligen Polizeikommandanten Peter Lang. Regisseur Roman Vital hat die beiden für seinen Dokumentarfilm begleitet. Seit gestern läuft «Herbstfeuer» in den Schweizer Kinos und ist im Engadin in Lavin, Scuol, Sent, Zuoz, St. Moritz und Pontresina zu sehen (Termine am Ende des Artikels).
Vom Kronjuwel zur Parkanlage
Jahrzehntelang galt das Grandhotel Waldhaus als Kronjuwel des alpinen Bädertourismus und als eines der prägenden Wahrzeichen der Belle Époque. Ende des 19. Jahrhunderts war die ursprüngliche Pension Waldhaus in Vulpera im Zuge des aufkommenden Gesundheitstourismus zu einem prunkvollen Grandhotel mit rund hundert Gästezimmern ausgebaut worden. Die Welt machte hier Sommerferien: Staatschefs, Prinzessinnen und Wirtschaftsgrössen ebenso wie Schriftsteller*innen und Filmstars. Rasch avancierte das Neorenaissance-Kunstwerk zur ersten Adresse des Kurtourismus. Offiziell kam man zur Kur, tatsächlich ging es um Genuss, gesellschaftliche Begegnungen und diskretes Networking. Die schillernden Archivbilder, mit denen «Herbstfeuer» diese Welt heraufbeschwört, wirken bis heute verführerisch in ihrer Nostalgie – einer Atmosphäre, die man in ihrer Flüchtigkeit am liebsten festhalten möchte.
Am 27. Mai 1989 ging diese Welt unter. Durch die Flammen eines morgendlichen Brandes wurde das Waldhaus vollständig zerstört. Was nach dem Brand noch stand, wurde im Folgejahr abgerissen. Wo über hundert Feuerwehrmänner den Brand nur noch eindämmen konnten, bewässern heute Rasensprenger die sorgfältig gestutzte Parkanlage. Ausser der vier Säulen und einem Springbrunnen ist vom Grandhotel nichts mehr zu sehen.
Auf Spurensuche mit dem letzten Direktor
Für Rolf Zollinger ist nie Gras über die Sache gewachsen. Der ehemalige Direktor ist heute 80 Jahre alt, immer noch hochgewachsen und elegant gekleidet. Obwohl es bis zum Schluss keine Beweise für Brandstiftung gab und man vergeblich nach einem Täter ermittelte, hat er mit dem Vorfall nie abgeschlossen. Natürlich gehe das Leben weiter, erzählt er zu Beginn des Films, trotzdem lebe er in einer Art Traumwelt. Bis heute versteht Rolf Zollinger nicht, warum es das Waldhaus nicht mehr geben sollte.
Einen solchen Verlust zu bewältigen, muss hart sein. Durch eine filmische Montage, in der sich der ehemalige Hotelkomplex wie eine Schablone über die heutige Stätte legt, bekommen wir einen Eindruck davon, welches Loch sein Verschwinden in die Landschaft gerissen hat. Ein Anblick, mit dem Rolf Zollinger in den letzten 37 Jahren tagein tagaus konfrontiert gewesen ist. Auch wenn sich der Tourismus von damals stark gewandelt hat und in seinem einstigen Umfang weitergezogen ist, haben er und seine Frau Sally Vulpera nie verlassen. Auf der anderen Strassenseite gegenüber des Springbrunnens hat das Paar eine alte Mitarbeiter-Unterkunft gekauft und zu einem Viersternehotel umgebaut. Im «Waldhaus» kümmerte sich Sally Zollinger, gebürtige Britin, um die floralen Arrangements und bereitete das Personal auf die gesonderten Vorlieben der Gäste vor. Bei den Zollingers blitzt noch etwas vom Glanz alter Tage auf, vermischt mit englischem Flair. Zwei Cocker-Spaniel-Damen streifen um die hellen Möbel im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer, der Tisch ist mit einem Hortensienstrauss dekoriert, es gibt Plum Cake, wir wohnen der «Tea Time» im Hause Zollinger bei.
«Ist das wirklich eine gute Idee, nach all der Zeit?», fragt Sally. Rolf hat ihr und ihrem erwachsenen Sohn Giles soeben eröffnet, dass er den Fall neu aufrollen möchte. Schnell wird klar: Jeder Versuch, Rolf Zollinger umzustimmen, ist zwecklos. Der Kontakt zu Peter Lang, einem früheren Kommandanten im Sektor Ost der Kantonspolizei Graubünden, ist bereits aufgenommen. Jetzt, wo dieser pensioniert ist, soll er seinem alten Freund Zollinger das Versprechen einlösen, der Sache von damals noch einmal auf den Grund zu gehen.
Zwei Senioren ermitteln
Ausgangspunkt der erneuten Ermittlungen ist der Hinweis einer Hellseherin, die Ende der 80er-Jahre in den Fall einbezogen worden war. Sie hatte damals einen ehemaligen Mitarbeiter als mutmasslichen Täter benannt. Als Motiv stand Rache im Raum: Zwischen ihm und seinem Vorgesetzten Rolf Zollinger hatte es eine Fehde gegeben. Musste das Hotel am Ende also wegen dem Direktor selbst brennen, wenn auch nur indirekt?
Diesen Verdacht, ebenso wie die gegen ihn selbst erhobene Anschuldigung der Brandstiftung, kann Zollinger bis heute nicht auf sich sitzen lassen. «Wenn jemand eine Wut auf mich hat, dann kann man das anders ausdrücken, als ein Zündholz zu legen», sagt er, noch immer fassungslos. Was ihn antreibt, ist die Richtigstellung des Sachverhalts und eine Antwort auf die Frage «Warum».
So der Auftakt der knappen zwei Stunden, in denen wir Zollinger und Lang auf ihrer Spurensuche begleiten. Längst verstaute Akten werden aus Archiven geholt, Tonbänder polizeilicher Befragungen abgespielt, Aussagen erneut geprüft, Szenen mit ehemaligen Zeugen nachgestellt. Immer wieder stösst das Duo dabei auf Widersprüche, die die ehemaligen polizeilichen Ermittlungen in Zweifel ziehen. Nicht selten lässt sich Rolf Zollinger aber auch zu Spekulationen hinreissen, denen der beschlagene Peter Lang dann milde Einhalt gebietet.
«Herbstfeuer» kommt dabei wie eine True-Crime-Geschichte daher, die stellenweise an Tatort erinnert– von der richtig guten Sorte. Das liegt daran, dass die Porträtierten so charakterstark auftreten, als stammten sie aus einem Kriminalroman. Mal wirkt es beinahe komisch, mal anrührend, wie eigensinnig und beharrlich Zollinger an jeder noch so kleinen Spur festhält und akribisch die roten Fäden zwischen den Namen der Verdächtigen an eine Pinnwand spannt. Regisseur Roman Vital nimmt seinen Protagonisten dabei sehr ernst. Auch dort, wo die Spekulation manchmal mit ihm durchzugehen scheint. Mit demselben Feingefühl werden Ehefrau Sally und Ex-Polizeichef Lang porträtiert.
Neben einer guten Kriminalgeschichte ist «Herbstfeuer» aber auch die Geschichte eines Mannes im Herbst seines Lebens, der in die Zeit zurückgeht, um gegen die Ohnmacht anzukämpfen, die ihn seit Jahrzehnten begleitet. Ob Rolf Zollinger am Ende Antworten auf seine quälenden Fragen findet, sei hier zwecks Spannung offen gelassen. Vielleicht ist das auch gar nicht entscheidend. Denn im Verlauf des Films wird immer deutlicher: Hinter der erneuten Ermittlungsarbeit verbirgt sich ein zutiefst persönlicher Verarbeitungsprozess, bei dem auch mal übernatürliche Mittel zu Rate gezogen werden.
Special Screenings:
06.02.26 Chur, Blue Cinema 07.02.26 Lavin, Cinema Staziun 07.02.26 Pontresina, Cinema Rex 11.02.26 Davos, Kulturzentrum 12.02.26 Sent, Casa Misoch 13.02.26 Zuoz, Chesa Planta 15.02.26 Arosa, Aula 01.03.26 Frauenfeld, Luna 30.03.26 Heerbrugg, Malden
Der Film dauert 114 Minuten. Weitere Daten hier: www.herbstfeuer.ch