«Ich höre deinem Französisch gerne zu»

Vielen Romands ist Peter Bichsel vor allem durch die Schullektüre bekannt, was dem Autor missfiel, als Pflichtlektüre behandelt zu werden. Umso mehr freute ihn die fast vollständige Übersetzung seines Werkes ins Französische. Für ihn waren Übersetzungen eigenständige Nacherzählungen.

Peter Bichsel liest im Kleintheater Luzern aus seinen Transsibirischen Geschichten vor
Peter Bichsel bei einer Lesung 2010. (Bild: Georg Anderhub)

Wer in den Buchläden der Westschweiz eine Woche nach dem Tod von Peter Bichsel nach Werken des Verstorbenen fragte, bekam abschlägigen Bescheid. «Alles verkauft», hiess es, «wir werden wohl erst in zwei Wochen Nachschub bekommen.» Offensichtlich hatte der Buchhandel der Suisse romande zum 90. Geburtstag Bichsels keine besonderen Vorkehrungen getroffen. So war er weniger als derjenige in der Deutschschweiz darauf vorbereitet, dass der Tod des Autors viele Leser:innen wieder an ihn erinnert und zum Kauf seiner Bücher veranlasst. Hier hatte man nicht wie in der Deutschschweiz auch schon für das runde Jubiläum mit grossem Interesse rechnen können. Für die Romands bleibt Bichsel gewiss ein hochgeachteter Autor, aber er wurde bei ihnen nie so populär und prominent wie bei den Deutschschweizern.

Prominent, so die Quintessenz von Bichsels Kolumne «Furcht vor den eigenen Geschichten» aus den 1980er Jahren, ist eine Person, wenn ihr Leben den Leuten als erzählenswerter gilt als ihr eigenes. So erzählte man sich in der Deutschschweiz im Lauf der Jahrzehnte immer mehr über Bichsel und schien immer weniger seine Texte zu lesen. Dabei machten diese immer neue Anläufe, um das Erzählen selbst zum Thema zu machen und den Leuten gerade so zu zeigen, dass ihr eigenes Leben und jenes ihrer Nachbar:innen etwas Erzählenswertes ist.

Viele Romands kennen Bichsel allerding in erster Linie als Schulbuchautor deutscher Sprache. Sie erinnern sich an seine «Kindergeschichten», von denen man die eine oder andere im Deutschunterricht lesen musste. Er war leichter zu lesen als die ebenfalls obligate «Schwarze Spinne» Gotthelfs und eignete sich besser zu Unterrichtsgesprächen in der Fremdsprache. Als Schulbuchautor zu gelten, war Bichsel jedoch sehr zuwider, denn Texte als Schullektüre heisst meist: verordnete Texte. Die Nachricht, dass die Leute nun in die Buchläden gehen, um ihn nach Jahren wieder zu lesen, hätte ihm wohl gefallen, auch oder vielmehr gerade wenn sie nun die französische Übersetzung seiner Bücher suchen, um sich ihre eigene, freie Lektüre zu erleichtern.

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Peter Bichsel ist in der Suisse romande vor allem als Schullektüre bekannt. (Bild: zvg)

Tatsächlich wurden im Lauf der Jahre ausser einem einzigen alle Bücher Bichsels sowie eine grosse Auswahl seiner Kolumnen auf Französisch übersetzt. Unübersetzt blieb bisher nur das Buch mit seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen von 1982, «Der Leser. Das Erzählen». Diese Lücke erstaunt umso mehr, als Bichsel von den kundigeren französischsprachigen Leser:innen gerade deshalb als Autor geschätzt wird, weil er mit seinen Texten auf ganz eigene, wenn auch verspielte Weise an die literarische Avantgarde des 20. Jahrhunderts anknüpft. Sein Erzählen reagiert untergründig sowohl auf die These Walter Benjamins über das Verschwinden des Erzählers im Zeitalter der technischen Instantinformation wie auf jene des Nouveau roman über die Krise des Romans im Zeitalter des Misstrauens.

Gegenüber der heutigen Überinformation und den konkurrierenden Wahrheitsansprüchen der Wissensgesellschaft insistierte Bichsel immer wieder auf der Notwendigkeit des Erzählens, aber eines Erzählens, das im Erzählen von Geschichten das Erzählen selbst erzählt. Was das heisst, bringt jüngst wohl am besten der Tessiner Verlag Casagrande auf den Punkt. Die Verlagsankündigung für «La Poiana», die italienische Übersetzung der Erzählsammlung «Der Busant» durch Gabriella de’ Grandi, hält fest: «Si direbbe che Bichsel tenti qui un esperimento: cerca di cogliere il segreto del narrare… narrando.» - «Man könnte sagen, dass Bichsel hier ein Experiment versucht: Er versucht, das Geheimnis des Erzählens zu erfassen... indem er erzählt.»

Das Nebeneinander als Chance

Hochgeschätzt wird Bichsel in der Suisse romande aber nicht nur für seine Bücher. Bichsel-Kenner:innen schätzen auch seine Haltung zur Schweiz. Er vertrat eine Vorstellung vom Nebeneinander verschiedener Sprachgruppen des Landes, die der ihren mehr entspricht als derjenigen der meisten Deutschschweizer:innen. Der Unterschied zwischen den beiden Vorstellungen tritt zum Beispiel im Passus 5.5.2 der bundesrätlichen Kulturbotschaft 2025-2028 hervor, in dem es um «Sprachen und Verständigung» geht: Das «Zusammenleben von vier Sprachgruppen» nennt der deutsche Text das, was der französische als «coexistence de quatre langues nationales» bezeichnet. Auf Deutsch stellt man sich also ein Zusammenleben von Sprachgruppen unterschiedlicher Grösse vor, während man auf Französisch das Nebeneinander von Sprachen sieht, die unabhängig von der Anzahl ihrer Sprecher:innen den gleichen Wert haben. Das sind zwei einander fast entgegengesetzte Vorstellungen. Und das hat der im frankophilen Solothurn lebende Bichsel genauso verstanden wie der im frankophonen Neuenburg lebende Friedrich Dürrenmatt.

Dürrenmatt hielt 1969/70 illusionslos fest, dass man in der Deutschschweiz trotz entgegenlautenden Beteuerungen «nicht mit den französischen und italienischen Schweizern zusammen, sondern beziehungslos nebeneinanderher lebe». Bichsel sah das auch so, betrachtete dieses Nebeneinander aber als Chance. Im 1969 publizierten Essay «Des Schweizers Schweiz» schrieb er: «Im Welschen und im Tessin bin ich bereits weiter weg; Italienisch kann ich nicht, Französisch macht mir Mühe […] Ich freue mich darüber, dass sie mit dabei sind, die Tessiner, die Welschen, die Romanen. Wir könnten uns gegenseitig daran hindern, typisch zu werden […].»

Die Möglichkeit, das Typischwerden zu vermeiden, sah er dort am ehesten gegeben, wo Sprachen einander fremd sind. Und die grösste Fremdheit sah er zwischen dem alemannischen Deutsch und dem hochkodifizierten Französisch. In seiner Grammatik und Aussprache sei Französisch keiner anderen Sprache so fremd wie gerade dem Deutschen, insbesondere dem Alemannischen, sagte er, viel fremder zum Beispiel als das Russische, auch wenn das viel weiter entfernt gesprochen werde. Damit sprach er allen Westschweizer:innen aus dem Herzen, die sich mit der Deklination und Syntax und den gutturalen Lauten sowohl des Deutschen wie des Schweizerdeutschen schwertun.

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Peter Bichsel im Jahr 1969. (Bild: Elsbeth Leisinger / Fotostiftung Schweiz.)

Übersetzen heisst erzählbar machen

Um so grösser war deshalb Bichsels Hochachtung für seine Übersetzer:innen in der Suisse romande. Er betrachtete sie als eigentliche Autor:innen, denn seine Texte liessen sich ja eigentlich gar nicht auf Französisch übersetzen, sagte er, sie liessen sich nur nacherzählen. Keine Übersetzung sei so schlecht wie jene, die sich um eine exakte Übertragung in eine andere Sprache bemühe. Nicht die Bedeutung einzelner Wörter sei wichtig, sondern das Bemühen, die Texte in der anderen Sprachwelt zum Klingen und Tragen zu bringen.

«Tradutore traditore» also? Ja, aber «traditore» heisst ja zunächst auch jemand, der etwas preisgibt. Für Bichsel sollten Übersetzungen sich vom Original entfernen, es verraten, um mehr über es preiszugeben, das heisst zu verraten, was in ihm über ein erstes Lesen hinaus drin liegt. Gerade in der Unübersetzbarkeit von Texten lag für ihn ihr Appell an die Übersetzer:innen.

Diesen Appell tragen seine Texte in besonderem Mass in sich, weil sie ihre Leser:innen in ihrer Unabgeschlossenheit und Öffnung zu einer Weiterführung drängen. Der erste Satz, mit dem Bichsel 1964 als Autor Bekanntheit erlangte, kündigt den poetologischen Kern seines gesamten weiteren Schreibens an: «Behelfsmässig kann man sich ein Haus vorstellen». Fürs Erste, als Ersatz, als Notlösung kann ein Text unsere Vorstellung in Gang setzen, aber das genügt nicht, es braucht die Weiterführung. Sie geschieht zunächst beim Lesen, einem einsamen Geschäft, ist aber, wie Bichsel in einem seiner letzten Interviews, jenem mit Natascha Fioretti im Radio der italienischen Schweiz, RSI Rete Due, betonte, auf eine Gemeinschaft von Leser:innen angewiesen, die ihre Leseerfahrungen austauschen, indem sie von ihnen erzählen. An diesem Prozess sind gerade auch die eigentlichen Übersetzungen beteiligt, Übersetzungen im Bichselschen Sinn, die den Text in der anderen Sprache erzählbar machen, nicht Übersetzungen, die sich in der wörtlichen Wiedergabe erschöpfen.

Literarische Texte rufen um so mehr nach Übersetzung, je mehr sie selber die scheinbar natürlich gegebene Beziehung von Wort und Bedeutung in Frage stellen, wie Marco Baschera in einem Aufsatz über den «Echoraum zwischen den Sprachen» am Beispiel Baudelaires ausgeführt hat. Und um diese Öffnung des Spielraums zwischen Wort und Bedeutung ging es Bichsel immer, am offensichtlichsten natürlich in der Erzählung «Ein Tisch ist ein Tisch» in den «Kindergeschichten».

«Es isch guet und rächt»

Bichsel hatte sich über die ersten Übersetzungen aus Frankreich geärgert und freute sich über jene die seit Mitte der 1990er Jahre dank Gilbert Musy, Ursula Gaillard und Alexandre Pateau erschienen sind. Ursula Gaillard erinnert sich, wie sie und Musy anlässlich der Übersetzung von «Zur Stadt Paris» Bichsel einen Brief schrieben, in dem sie ihn um die Klärung einiger Wörter und Wendungen baten. Sie bekamen nie eine Antwort. Bei ihrer nächsten Bichsel-Übersetzung, fünfzehn Jahre später, wandte die Übersetzerin sich gleich telefonisch an den Autor, um sein Einverständnis zu ihrer Auswahl von über 90 Kolumnen der Jahre 1980 bis 2008 einzuholen. «Es isch guet und rächt», war seine einzige Antwort. Er liess sie einfach machen.

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Der Bichsel-Übersetzer Alexandre Pateau entdeckte Bichsel durch eine Vinyl-Lp auf einem Berliner Trödelmarkt. Lesung mit Peter Bichsel, 2018. (Bild: Foto: Daniel Rothenbühler)

Aber als die Kolumnen 2012 unter dem Titel «La Couleur Isabelle» herauskamen, gestand Bichsel ihr dann doch: «I ha Angscht gha.» Es war ihm keineswegs gleichgültig, was mit seinen Texten geschah, aber er liess es geschehen und war dann um so glücklicher, wenn es gut herauskam. Nach einer gemeinsamen Lesung übergab er Ursula Gaillard das Buch mit der Widmung: «Ich höre deinem Französisch gerne zu und vertraue ihm.» Er hatte den gleichen Eindruck wie der Verleger Jean Richard, der die drei Bücher «À la ville de Paris» , «La Couleur Isabelle» und «Le Buson» herausbrachte und fast kein Deutsch versteht. Bichsels Übersetzer:innen, sagt er heute, hätten sich voll in die Feinheiten dieser scheinbar einfachen Sprache eingefunden und es vor allem auch geschafft, die Mündlichkeit in der Sprache Bichsels auf Französisch ebenfalls hörbar zu machen.

Übers Hören ist Alexandre Pateau, der jüngste der namhaften Bichsel-Übersetzer:innen im französischen Sprachraum, auf diesen Autor gestossen. Es war in Berlin, auf einem Strassenmarkt, als er auf die Stimme Bichsels aufmerksam wurde, die ab der Vinyl-LP der «Kindergeschichten» über den Lautsprecher eines Trödelhändlers verbreitet wurde. Diese Stimme, ihr besonderes Timbre, ihr eigener Groove, habe ihm so gefallen, dass er die Platte kaufte, sie immer wieder hörte und Lust bekam, die Texte dieses Autors zu übersetzen, erzählt Pateau.

So bemühte er sich um eine neue Veröffentlichung der französischen Übersetzung der «Kindergeschichten» von Claude Maillard und Marc Schreyer und schrieb für die «Histoires enfantines», die 2014 bei Le Nouvel Attila in Paris herauskamen, ein erhellendes Nachwort. Dann übersetzte Pateau den «Busant», der 2017 unter dem Titel «Le Buson» bei den Editions d’en bas in Lausanne erschien, und schliesslich eine Auswahl von Bichsel-Texten für junge Leser:innen, die 2024 unter dem Titel «Un monde sur le papier» als bebildertes SJW-Heft herauskamen. Nun hat der Gallimard-Verlag auch endlich die Rechte für eine neue Übersetzung der Milchmann-Geschichten auf Französisch freigegeben, und Pateaus Neuübersetzung wird, wenn alles gut geht, 2026 beim Genfer Verlag Héros-Limite herauskommen.

In einer Veranstaltung mit Bichsel zur Publikation von «Le Buson» sagte Pateau, er suche beim Übersetzen die grösste Freiheit gegenüber dem Original, um diesem möglichst treu zu bleiben. Das gefiel Bichsel. Auch deshalb, weil er Paradoxien überhaupt liebte. Sie erlauben es, die Begriffslogik zu unterlaufen, was Bichsel ganz grundsätzlich im Spiel des Erzählens und Nacherzählens suchte, wie er im schon zitierten Interview mit Natascha Fioretti erklärte.

An seine fast kindliche Spiellust erinnert die Kolumne «Das Metzgerspiel» aus den 1990er Jahren, in der er erzählt, wie er sich im Zug zwischen Solothurn und Genf vorstellt, in der transsibirischen Eisenbahn zu sitzen, «kurz nach Moskau». Ums «Ausprobieren, wie es wäre, wenn es nicht so wäre, wie es ist», ging es ihm im Schreiben, Lesen, Denken und auch im praktischen Leben allgemein. Als er 2018 mit der französischen Übersetzung des «Busant» am Salon du livre in Genf teilnahm, freute er sich wie ein verträumtes Kind, auf einem Karussell hinter Ursula Gaillard und Alexandre Pateau herzureiten.

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Peter Bichsel hat sich zeitlebens seine Kindlichkeit bewahrt. (Bild: Foto: Daniel Rothenbühler)

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