Die Unsichtbaren sichtbar machen
Das Festival du Film Vert, das in der Suisse romande, dem Tessin und in Frankreich stattfindet, steht ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit und zeigt kreative Wege auf, um den ökologischen Herausforderungen zu begegnen.
Morgen Samstag, den 8. März, wird in Sion eine ungewöhnliches Filmfestival eröffnet: das Festival du Film Vert. Es wird fünf Wochen dauern, in dieser Zeit über 90 Filme zeigen, insgesamt 447 Filmvorführungen ermöglichen und 118 Orte der Suisse romande, im Tessin und im benachbarten Frankreich teilnehmen lassen. Ein Riesending. Und zugleich ein Projekt, das zur Hauptsache auf kleinere, vor Ort gut verankerte Einrichtungen setzt und diese stärkt.
Das Festival will das Umweltengagement nicht nur in Dokumentarfilmen grosser Zahl vor Augen führen, sondern in seiner Organisation und seinem Funktionieren auch selbst praktizieren: «Es wäre absurd, das Publikum zu ermutigen, eine lange Autofahrt auf sich zu nehmen, um beispielsweise einen Film über die globale Erwärmung zu sehen», ist auf der Homepage des Festivals zu lesen. Deshalb findet es dezentral an vielen Orten statt, das macht seine Einzigartigkeit aus.
Mit der radikalen Dezentralisierung vollzieht das Festival seit zwanzig Jahren auch das, was das Centre international pour les théâtres itinérants, das internationale Zentrum für Tourneetheater, seit 2002 für die darstellenden Künsten anstrebt: die Teilhabe vieler Menschen am Kulturschaffen ausserhalb der «Tempel der Kunst», der etablierten Einrichtungen, von denen sich immer noch ein Grossteil der Gesellschaft ausgeschlossen sieht. Im vergangenen Jahr haben insgesamt 22'000 Menschen die Filmvorführungen des Festivals besucht.
Mit der Vielzahl der Orte und Einrichtungen, für die das Festival du Film Vert die Filme seines Programms zur Verfügung stellt, wird neben dem Verzicht auf das unökologische Zusammenführen von massenhaft Menschen an einem zentralen Ort also auch das verwirklicht, was der Theaterpraktiker und -theoretiker Mathieu Menghini als Demokratisierung des Kulturschaffens bezeichnet: in relativ einfachen Einrichtungen wie z. B. Quartierzentren, Gemeindesälen, Schul-Aulen usw. die Begegnung mit einem Kunstschaffen ermöglichen, wofür die Bewohner:innen der jeweiligen Orte normalerweise in grössere Zentren fahren müssen. Der Anlass vor Ort bekommt so auch den Festcharakter eines aussergewöhnlichen Ereignisses. Menghini hofft gar, dass solche Fest-Ereignisse zu Schmelztiegeln neuer Sichtweisen werden, so dass die Zuschauer:innen die Welt wie sie ist, nicht mehr als naturgegeben betrachten, sondern sich dazu berechtigt fühlen, ihren Geist wandern zu lassen und eine Welt zu entwerfen, wie sie sein könnte.
Themenvielfalt
Ein solches Ersinnen neuer Möglichkeiten ist natürlich auch für die Initiator:innen des Festival du Film Vert ein Ziel ihres vielfältigen Programms. In der «Salle des Remparts» der kleinen freiburgischen Gemeinde Rue werden am 14./15. März zum Beispiel drei Filme vorgeführt, die die Organisator:innen vor Ort mit dieser Zielsetzung ausgewählt haben. Der erste, «De l'assiette à l'océan» (2024) des Franzosen Julien Challandes, folgt der jungen Aktivistin Malaury Morin, die per Autostopp durch Frankreich fährt und sich mit unterschiedlichen Menschen über die Frage auseinandersetzt, wie man gut essen und zugleich die Ozeane schützen könnte, indem man industrielle Fischzucht und -Fangarten, Pestizide, Chemiedünger und lange Transportwege vermeidet. Dieser Film ist zum Hit des ganzen Festivals geworden. Er wird in 62 Orten, also über der Hälfte der Säle, gezeigt.
Der zweite in Rue gewählte Film, «Vivre avec les loups» (2023) des Franzosen Jean Michel Betrand wird am 21. März auch im Gemeindesaal der 160 Einwohner:innen zählenden Walliser Gemeinde Trient nahe an der französischen Grenze zu sehen sein. So könnte nicht nur in Rue, sondern auch in diesem Bergdorf das im Wallis stark umstrittene Thema der zunehmenden Präsenz von Wölfen anders wahrgenommen werden als bisher.
Der dritte Film in Rue, «Into the Ice» (2022) des Dänen Lars Ostenfels, wird am 15. März auch in der Aula des Trois Sapins im waadtländischen Echallens neben wiederum drei anderen Filmen gezeigt. In diesem Film geht es um drei Glaziologen, die auf ihrer Expedition zum grönländischen Eisschild bis hinunter zu dessen Boden in 200 Metern Tiefe gehen. Was sie dort entdecken, schlägt Alarm für das Klima auf unserem Planeten und könnte für die Zuschauerinnen sowohl in Rue wie in Echallens als Aufruf zum Handeln verstanden werden.
Viermal mehr gewählt wurde in der Suisse romande allerdings ein anderer Gletscherfilm. «Si le glaciers ne revenaient pas» (2024) des Schweizers Yves Magat stellt eine Verbindung zwischen den Schmelzen der Gletscher und den Bisses, den Suonen, im Wallis her. Was wird aus diesem enormen, in Jahrhunderten entwickelten Netz der Bewässerung, wenn die Gletscher, deren sommerliches Schmelzen es mit Wasser versorgen, verschwunden sind? Und wenn die Bisses dank ihrer kollektiven Bewirtschaftung nicht Teil des Problem, sondern der Lösung werden könnten?
Von wegen kollektiver Bewirtschaftung: Im Tessin haben Airolo wie Locarno und Lugano neben verschiedenen anderen Filmen alle drei «Outgrow the System» (2023) von Cecilia Paulsson und Anders Nilsson aus Schweden gewählt. Welche neuen Wirtschaftsmodelle würden es der Menschheit erlauben, Produktion und Konsum so zu organisieren, dass sie ihr Überleben auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen auf faire und nachhaltige Weise sichern könnte? Auch hier wandert der Geist im Sinne Menghinis zu Entwürfen, wie die Welt sein könnte.
Aus mehreren Regionen Frankreichs nehmen fast dreissig kleinere und grössere Orte ebenfalls an dem in der Suisse romande entstandenen Festival teil. Zwei Drittel der Orte liegen in der benachbarten Haute Savoie. Aber auch in der weit entfernten Normandie macht das Hafenstädtchen Granville mit. Das dortige Cinéma Select zeigt gleich fünf Filme aus dem Programm des Festivals. Sie machen auf so verschiedene Dinge aufmerksam wie Klimaflüchtlinge in Bengalen, Mensch-Naturbeziehung seit der Urgeschichte, umweltfreundliche Nahrungsmittel, Steuergesetzgebung gegen die Umweltverbrechen von Grosskonzernen und eine Velotour durch Frankreich zu umweltfreundlichen Landwirtschafts- und anderen Kleinbetrieben.
Die Auswahljury macht auf die besondere Qualität von fünf Filmen aufmerksam. Das sind neben den schon erwähnten «De l’assiette à l’Océan» und «Si le glaciers ne revenaient pas» auch: «Castor, la force de la nature» (2023) des Franzosen Basile Gerbau, der zeigt, dass die Biber als veritable Öko-Ingenieure zu Verbündeten im Bemühen um die Erhaltung der Biodiversität und um die Revitalisierung von Pflanzenarten werden können; «Tax Wars» (2024) des Norwegers Hege Dehli, der im Stil von «Star Wars» die globale Steuergerechtigkeit zum Thema macht, um die in der Europäischen Union, in Indien, Chile und Sambia gestritten wird (wie weiterhin ja auch in der Schweiz); «Inestimable forêts» (2024) der Schweizerin Orane Burri, der mit seinem doppeldeutigen Titel den utilitaristischen Blick hinterfragt, den unser Wirtschaftssystem auf den Wald wirft, seit mehr als 150 Jahren in der Schweiz und heute besonders auch in den Tropen.
Aufklärung an der Basis
Die nach Zeiten, Orten und Themen ganz verschieden gelagerten Dokumentarfilme haben dieses Jahr einen Schwerpunkt gemeinsam: dass sie weder Klimaangst noch Klima-Schuldgefühle wecken sollen, sondern eher Hoffnung darauf machen, dass wir mit manchmal recht einfachen Lösungen in der Lage wären, zur Bremsung der Klimakatastrophe, zur Erhaltung der Biodiversität und zu einer gesünderen Lebensführung aller Menschen zu gelangen.
Wie weit diese Lösungen realisiert werden können, wie weit sie dann zu tragen vermöchten, dazu veranstalten die meisten Organisator:innen vor Ort auch Publikumsdiskussionen im Anschluss an die Filmvorführungen. Daran werden insgesamt auch etwa hundert Personen mit Expertenwissen teilnehmen, meist solche aus der Nähe des jeweiligen Ortes. Diese Zusatzveranstaltungen sind gerade auch in den Schulen wichtig, die mit eigenen Vorführungen am Festival teilnehmen. Deshalb zeigt das Programm auch an, ab welchem Alter der jeweilige Film mit Gewinn gesehen werden kann. Das beginnt bei manchen schon bei sechs Jahren.
In dieser zwanzigsten Auflage des Festivals werden in Verbindung mit dem Jubiläum zwei Bücher veröffentlicht: «Vingt ans de films verts, de ‹Une vérité qui dérange› à ‹Sœurs de combat›», von Al Gores Film also, der 2005 das Festival eröffnete, bis zum Film des Belgiers Henri de Gerlache von 2022, der letztes Jahr im Festival die Porträts von fünf jungen Frauen zeigte, die in Belgien, Deutschland, Frankreich, Uganda und Brasilien zu Leitfiguren der jeweiligen Umweltbewegung wurden, gefeiert und verunglimpft zugleich. Das Buch geht der Geschichte des Festivals du Film Vert in Erinnerungen, Erfahrungsberichten, Analysen und Interviews nach, die die Entwicklung der großen Umweltthemen in den Filmen der vergangenen zwei Jahrzehnte aufarbeiten. Im zweiten Buch «Nemo 2.0», einem Roman, der am 7. Märzt auf den Markt kommt, erzählt Nicolas Guignard, der Gründer und Leiter des Festivals, die Geschichte einer weltweiten öko-terroristischen Aktion, mit der eine Gruppe von militanten Umweltschützer:innen eine planetarische Umkehr Richtung Ökologie erzwingen wollen.
Das Festival baut demgegenüber mehr auf Aufklärung an der Basis. Am 8. März werden bei der Eröffnungsfeier des Festivals in Sion drei Preise verliehen, die eine solche Aufklärung beispielhaft vertreten. Public Eye, der neue Partner des Festivals, wird den schon erwähnten schwedischen Film «Outgrow the system» auszeichnen und zudem «À voies hautes» (2023) der Französin Solène Desbois mit dem Sigel «Coup de cœur» würdigen. Dieser Film zeigt ein Gruppe von Schüler:innen aus La Rochelle, die im Optionsunterricht «Demain c'est Nous» dem Klimawandel nicht nur theoretisch, sondern praktisch vor Ort nachgehen wollen und mit ihrer Lehrerin, einer Geografin und Forscherin, im Mont-Blanc-Massiv und auf dem Mer de Glace, den Folgen der Klimaerwärmung nachgehen.
Die Jury des Albert-Schweitzer-Ökologiezentrums vergibt ihren Preis an «Ivohiboro: la forêt oubliée» (2024). Der Film der Franzosen Laurent Portes und Fitzgerald Jego geht der amerikanische Primatenforscherin Patricia Wright auf ihrer Expedition in den Ivohiboro-Wald im Südosten Madagskars nach, der auf nur 14 km2 die gesamte Artenvielfalt der Insel in sich vereint.
Der Gewinner des Prix Tournesol, des herkömmlichen Preises des Festivals wird erst bei dessen Eröffnung bekanntgegeben.
Achtung, seien wir wachsam
Im Programm des Festivals ist auch der Film «La ferme des Bernards» (2023) vertreten, der am 28. Februar mit einem César – dem französischen Pendant zu den amerikanischen Oscars – als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Er wurde allerdings nur von vier Orten zur Vorführung gewählt. Der Film des sozial und ökologisch engagierten Filmers Gilles Perret verfolgt die Geschichte von drei Generationen Bäuer:innen auf einem Hof in der Haute Savoie. Perret hat dem Hof mit seinen rund hundert Milchkühen 1997 seinen ersten Dokumentarfilm gewidmet und geht nun seiner Entwicklung in dem halben Jahrhundert seit 1972 nach.
Perret prägte das Grossereignis der Preisverleihung der Académie des César bei der Entgegennahme seiner Trophäe, indem er seinen Dankesworten ein mehrmals applaudiertes Statement zur heutigen politischen Weltsituation anfügte: «Ich versuche die Unsichtbaren sichtbar zu machen, in einem Land, in dem man das Mikrofon eher den Milliardären hinhält als den Millionen Armen, in einem Land, in dem die politischen Führer, um ihre Ämter zu behalten und die Mächtigen nicht zu verärgern, sich eher mit den faschistischen Rechtsextremen verbünden, als sich der Frage zu stellen, wie der Reichtum besser verteilt und der Planet vor seiner Zerstörung geschützt werden kann. Achtung, seien wir wachsam, diese Geschichte kennen wir schon, diese todbringende Einflüsterung, es ist die der 1930er Jahre, als man sagte ‹lieber Hitler als der Front populaire›, das geht schnell, passen wir auf, und gerade an uns Leuten des Films läge es, uns endlich auf die Beine zu machen. Ich habe den Eindruck wir schauen zu oft anderswo hin, wenn das Haus brennt, und filmen etwas anderes.»
Das Festival zu Film Vert schaut nicht weg, es zeigt das brennende Haus, aber auch die immer zahlreicheren, wenn auch noch oft unsichtbaren Menschen, die dem Brand mit Einfallsreichtum und kreativer Energie entgegentreten.