Die digitale Alchemistin
Wenn es um Medienkunst in der Schweiz geht, führt kein Weg an Esther Hunziker vorbei. Die gelernte Damenschneiderin studierte erst Modedesign, bevor sie in die Videofachklasse an der Kunsthochschule in Basel wechselte. Mit dem Aufkommen des Internets begann sie Netzkunst zu machen – heute zählt sie zu den KI-Pionierinnen in der Kunst.
Freitagabend, Vernissage von AFTERGLOW im Zimmermannhaus in Brugg. 14 Videos, im Schwarz-Weiss-Ton einer ganz bestimmten Art von Polarfotografien. Frauengesichter, die etwas gesehen haben. In ihren Armen seltsame Bündel, die sich in Reptilien, in Schleim, in Fell verwandeln. Esther Hunzikers Arbeit «Screen Tests» verbindet die Semiotik klassischer Madonnendarstellungen mit Castingvideos von Schauspieler:innen und dem Albtraumhaften, das KI hervorlocken kann.
Die Fellbündel werden zu Echsen, die ihre menschlichen Mütter zärtlich ablecken. Aliens und Reptilien, Stielaugen, die herausploppen aus Urschleim, Spinnenarmen, ledrige Blütenblätter, Schleimgewebe, das sich filigran verästelt und verfestigt. Ein Torso, der sich von seinen Beinen löst und dann wieder zurückkehrt. Das Gehirn versucht, Bekanntes zu erkennen, schafft es nicht. So müssen sich dereinst in ferner Zukunft einmal die Astronaut:innen fühlen, die auf Weltraumexpeditionen zu fernen Sonnensystemen aufbrechen und vielleicht auf Lebensformen treffen werden, die für uns unfassbar sind. Bodyhorror im besten Sinne, aber weniger wie wie bei H.R. Giger, sondern einer, der zur Kontaktaufnahme einlädt. Dazu eine Soundinstallation, die einen Nervenzusammenbruch von ChatGPT vertont und ein leise vor sich hinsurrender Staubsaugerroboter, der um die Füsse der Besucher:innen streift – ein augenzwinkerndes Readymade. Zum Nervenzusammenbruch: Eine ältere Version von ChatGPT konnte man mit geschickten Eingaben zum Kollabieren bringen, sodass das Programm nur noch inkohärente Texte produzierte.
Esther Hunziker arbeitet oft mit feinem Humor. Vor dem Albtraumhaften, dem Verstörenden, schreckt sie nicht zurück. Im Gegenteil, es interessiert sie. «Mir fällt auf, dass Männer die «Screen Tests» unheimlicher finden als Frauen. Vielleicht hängt das zusammen mit Monstern in Horrorfilmen: Die Männer wollen King Kong töten, die Frauen schliessen Freundschaft mit dem Fremden und integrieren das Dunkle.» Das Motiv der Kollaboration zwischen dem Menschlichen und dem Nichtmenschlichen, in ihrem Fall dem Technologischen, zieht sich durch ihre Arbeiten. Das Publikum an diesem Abend ist fasziniert.
Sie ist eine Macherin, eine, die nicht lange fackelt. Wenn ihr etwas fehlt, dann erschafft sie es. Als das EPUB3-Format entwickelt wird, eine Weiterentwicklung des für E-Books gebräuchlichen EPUBs, freut sie sich, weil es ermöglicht, interaktive E-Books mit Multimediainhalten zu gestalten. Perfekt für Künstlerbücher. Sie wartet jahrelang darauf, dass jemand solche Bücher veröffentlicht. Als sie bemerkt, dass das niemand im Kunstbereich tut und die Möglichkeiten der Technologie unerkannt bleiben, gründet sie kurzerhand den weltweit ersten Verlag für digitale, interaktive Künstlerbücher. electrfd.net stellt sie 2023 auf der BuchBasel und der I NEVER READ, der an die ArtBasel angeschlossenen Kunstbuchmesse, vor.
Hunziker hat ihr Handwerk noch von der Pike auf gelernt. Als Jugendliche faszinierte sie die Modewelt, machte erst eine Ausbildung zur Damenschneiderin, studierte dann Modedesign. Im fünften Semester erklärte sie, ein Praktikum in New York machen zu wollen, um im MoMA recherchieren zu können – in Wahrheit wollte sie einfach nur nach New York. Und als sie dann da war, in der Filmstadt überhaupt, Anfang der 90er, kam sie in Berührung mit Videokunst, machte bei einem Workshop mit, hatte zum ersten Mal eine Videokamera in der Hand – und es war um sie geschehen. Zurück in der Schweiz hatte sie keine Lust mehr, mit Textilien zu arbeiten und bewarb sich für die Videofachklasse, die damals als einzigartiges Programm an der Kunsthochschule in Basel existierte. «Wenn das nicht geklappt hätte, hätte ich versucht, Film in New York zu studieren. Aber ich wurde angenommen. Und so bin ich geblieben.» Und sie sagt auch, dass Filme und Konzerte sie mehr beeinflusst haben als Museen oder Galerien. Die Kunst von Nam June Paik, dem sogenannten Vater der Videokunst, war ein Schlüsselerlebnis. Durch sie versteht sie, dass Audio und Bewegtbild, das, was sie interessiert, auch Kunst sein können.
Video war zu teuer
Als sie ihre Videoausbildung abschloss, war sie stolz, endlich den grossen Schnittplatz zu beherrschen. Alles war noch analog. Und nur wenige Monate danach begann die digitale Revolution. Für eine Weile wandte sie sich von Video ab, weil die Programme teuer waren und man sich in Schnittplätze einmieten musste. Dann kam das Internet. Also machte sie ab 2001 Netzkunst. Niemand wusste Bescheid, es gab noch keine Ausbildung, keine Kurse. Man musste sich alles selbst aneignen. Hunziker liebte den Do it Yourself-Ethos. Es gab noch wenig Webseiten, aber jede einzelne war ein eigener Kosmos, sowohl inhaltlich, als auch auf Designebene – es gab noch keine Konventionen.
Sie wollte Programmieren können, also brachte sie es sich bei. Sie arbeitete in einer Multimediaagentur, als Screendesignerin. Auch so ein Beruf, den es eigentlich nicht mehr gibt: Die Willkommensbildschirme bei DVDs und Computerspielen mussten ja auch von jemandem gestaltet werden.
Vielleicht ist KI jetzt auch deswegen so interessant für sie: «Ich habe jetzt einfach meinen PC und kann damit Kunst aus dem Nichts erschaffen. Es wird oft gesagt, mit KI zu arbeiten sei unkreativ, aber das stimmt nicht. Man muss ja selbst etwas imaginieren und dann damit arbeiten.» Hunziker ist eine Pionierin und Avantgardistin. Gezeigt wurden ihre Arbeiten unter anderem bereits in Südafrika, Ägypten, Italien, China, Russland, Spanien, Brasilien, Deutschland, Kanada, den Niederlanden und natürlich der Schweiz. Sie sind Teil diverser Sammlungen, unter anderem der des HEK Basel und Rhizome New York. Ihre Arbeit «Streamers» von 2018 nimmt Diskurse von digitalen Identitäten voraus, die erst später grosse mediale Resonanz erfahren. «Squeeze me» von 2025 sind Puppen mit den Konterfeien von an der Entwicklung von KI verbundenen Persönlichkeiten wie OpenAI-Gründer Sam Altman, Elon Musk oder Mark Zuckerberg. Die Puppen können gedrückt werden, woraufhin sie einen von ChatGPT generierten Monolog rezitieren, welcher die KI am Rande eines Kollapses abbildet.
Grosse Experimentierfreude
Jetzt steht sie am Anfang ihres vierten Karrierejahrzehnts. Seit 20 Jahren lehrt sie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. «Wenn ich nach einem Semester jemanden aus der Malerei, der vorher nichts mit Video zu tun hatte, dazu gebracht habe, sich an einer Videokunstarbeit zu probieren, dann habe ich meine Arbeit getan.» Sie erlebt die rasante technologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte an vorderster Front mit. Und wichtiger: Sie macht immer sofort Kunst damit. Sie testet alles aus, spielt mit allem, mit einer ihr eigenen Experimentierfreude. Oft greifen ihre Arbeiten Entwicklungen, die später im Mainstream omnipräsent sind, vor. Und auch wenn sie in ganz unterschiedlichen Medien arbeitet, ist ihr Stil unverwechselbar, die Farbpalette ist oft in grau, ocker und beige gehalten, Erde und Anthrazit. Sie hat keine Angst vor dem Grotesken, vor dem Uncanny Valley, vor dem Unheimlichen. Das Beunruhigende ist Teil ihrer ästhetischen Strategie, und das macht sie zur Technikprophetin, zur Zauberin. Ihre Arbeiten sind immer frisch. Sie erfindet sich stets neu. «Ich arbeite immer mit Technologie zusammen, experimentiere mit neuen Techniken.»
Medienkunst ist das Feld der Kunst, in dem Werke oft nicht lange überleben oder schnell veraltet wirken. Es ist schwierig, die Arbeiten zu konservieren, da sich Speichermedien und Formate ändern. Hunziker arbeitet aktuell daran, einige ihrer frühen Netzkunstwerke zu restaurieren, was sich als eine anspruchsvolle Arbeit erweist: «Damals kämpfte man um jedes Kilobyte, was heute keine Rolle mehr spielt.» Das heisst, Sounddateien hören sich für heutige Ohren minderwertig an, Bilddateien sind zu verpixelt. Dies an heutige Gegebenheiten anzupassen erfordert viel Detailarbeit.
«Früher war ich viel fatalistischer, da dachte ich mir, wenn eine Arbeit in einem Jahr nicht mehr läuft, dann ist es halt so. Jetzt finde ich das schade, weil so viel verloren geht. Das Internet ist auch so homogen geworden.»
Videofestivals werden wieder relevant, vor allem als soziales Ereignis und zu konkreten Thematiken. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass es eine Flut an Kunst gibt, die durch die Demokratisierung der nötigen Technik ermöglicht wurde: Aber wenn alle nur noch produzieren, wer ist dann noch Publikum?
Freundschaft mit den Maschinen schliessen
Das Analoge wird wieder wichtiger, es gibt auch die Tendenz, dass sich viele aus Social Media zurückziehen. Immer öfter sieht sie bei ihren Studierenden, dass VHS-Kameras genutzt werden, dass in den beschränkten Möglichkeiten gestalterische Freiheit gesehen wird, weil sie Überraschungen ermöglichen. Für sie ist das manchmal befremdlich, weil sie sich ja an die Zeiten erinnert, als Technik teuer war und sie sich nach grösserer Gestaltungsfreiheit sehnte. Sie fühlt sich fast zurückversetzt in ihre Teenagerzeit, so als sei sie in ein Zeitloch gefallen.
Ob sie zurück in die Mode geht, vielleicht digital erweiterte Kleidungsstücke, beispielsweise mit Sensoren schneidern wird?
«Wer weiss», sagt sie, und lacht. Sie will als nächstes eine Weile in London verbringen, um dort zur Geisterfotografie und dem Okkultismus der vorletzten Jahrhundertwende zu forschen. In Bellinzona hielt sie im August einen Vortrag zu digitalen Exorzismen, weil sie auch immer der Topos des «ghost in the machine», der Geist in der Maschine, interessiert: Ursprünglich stammt der Begriff vom Philosophen Gilbert Ryle, der den kartesianischen Leib-Seele-Dualismus kritisierte. Es sei falsch, das Bewusstsein als Geist zu sehen, der im Körper, also der Maschine, spuke. Diese Vorstellung entwickelte jedoch in den letzten Jahrzehnten ein Eigenleben und taucht oft im Zusammenhang mit Fantasy, Horror und Science Fiction auf: Übersinnliche Entitäten offenbaren sich oft durch technische Geräte. Vielleicht ist deswegen für Hunziker KI auch so interessant, weil eben vieles unvorhersehbar ist. So als würde man von dunklen Mächten heimgesucht. So können ihre Arbeiten auch als verspielte Dämonologie gesehen werden.
Wie sieht die Zukunft aus? «Wir werden noch viel mehr Freundschaften mit den Maschinen schliessen, nicht weil es unsere natürliche Entwicklung wäre, sondern weil wir von der Industrie dazu getrieben werden.»
Trotz der Hellsichtigkeit ihrer Kunst weiss Esther Hunziker nie, was sie als nächstes machen wird. Die Welt ist ihr Spielplatz. Eine Prophetin unserer unheimlichen Zeit, eine Seismografin der Zukunft. Aber eine, die dabei ihren Witz nicht verliert.
Aktuelle Ausstellungen:
AFTERGLOW
Esther Hunziker/Victoria Holdt
Zimmermannhaus, Brugg
Bis 15.März
Screening im Kino Odeon: 25. Januar, 17.00 Uhr
Wortwechsel: 05. Februar 19:00 Uhr
ONE ONE
Ausstellungsraum Klingental, Basel
Martina Böttiger, Esther Hunziker, Rosanna Monteleone, Marion Ritzmann
Bis 1. März
Museumsnacht: 23. Februar, 13.00 Uhr bis 02.00 Uhr
On your marks, get set, go!
Kunstforum Baloise-Park, Basel
Bis 22. Mai
Artist Talk: 6. Mai, 17.00 Uhr