Abenteuer Lyrik – Wie komm ich da rein?
Warum ist Lyrik trotz ihrer vielfältigen Erscheinungsformen ein ausgeprägtes Nischenprodukt? Über solche und weitere Fragen hat sich «cültür» als Vorschau auf das 22. Internationale Lyrikfestival Basel mit der aktuellen Präsidentin des Festivals, der Autorin Simone Lappert, und mit einem ihrer Vorgänger, dem Autor Rudolf Bussmann, unterhalten. Die beiden gewähren Einblicke in die wohl subtilsten und zugleich wildesten Zonen der so wunderbar facettenreichen Sprachwelten.
«Alles Lyrische muss im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein bisschen unvernünftig sein.»
Das Zitat stammt von Altmeister Goethe. Und es erfasst erstaunlich modern einen ganz wesentlichen Teil dessen, warum lyrisches Sprechen, Singen und Herumwirbeln so spannungsvoll, so herausfordernd, so konstruiert und gleichzeitig scheinbar so chaotisch sein kann. Und so beglückend. Rausch und Analyse, Sinn und Wahn, meditative Stille und Achterbahnfahrt, herzzerreissende Innerlichkeit und politisches Pamphlet.
Im Vordergrund stehen das Sprachliche, die Dichte der kunstvollen Formulierungen, der Rhythmus, der Klang, die Bildkraft – und nicht das direkt Narrative. Geöffnet werden in der Lyrik breiteste Assoziationsräume wie sonst kaum wo im Sprachlichen. Nicht nur linear, logisch, kausal verknüpfend und vorwärtsdenkend, sondern auch lateral, seitwärts überraschend, ausbüxend. Kreuz und quer, oben und unten, «rinks und lechts» lustvoll «velwechsernd» (Ernst Jandl).
Und nichts ist Zufall. Im Idealfall kommt es zur bewusstesten und gleichzeitig intuitivsten Verschmelzung von Form und Inhalt. Auf kleinstem Raum und mit vielfältigsten sprachlichen Mitteln. Deswegen ist die Sache auch oft vieldeutig. Den einen zur Lust, den andern zur Qual.
Bereits zum 22. Mal findet das Internationale Lyrikfestival in Basel statt, dank einer initiativen Programmgruppe, die es versteht, die verschiedensten aktuellen Stimmen zusammenzubringen. So gibt es in der diesjährigen Ausgabe unter anderem einen Lyrikspaziergang durch die Stadt mit Martina Kuoni und Julia Rüegger, einen Workshop mitten in der fantastischen Ausstellung von Yayoi Kusama in der Fondation Beyeler, einen Lyrikabend im Blumenladen sowie die Verleihung des Basler Lyrikpreises 2026 an die österreichische Dichterin Barbara Hundegger.
cültür sprach mit mit der Präsidentin des Festivals, Simone Lappert, und einem ihrer Vorgänger, Rudolf Bussmann, über die verschlungenen Welten der Lyrik. (Die Gespräche wurden mit den beiden einzeln geführt.)
cültür: Welches war Ihr eigener primärer Zugang (bzw. Nicht-Zugang) zur Lyrik?
Simone Lappert sprudelt gleich los: «Als Kind dachte ich, «Lyrics» seien Lyrik, das kam mir irgendwie logisch vor. Ich habe viel Musik gehört und die Song-Booklets durchstöbert.» Was sie in den englischen Texten nicht verstanden habe, habe sie mit dem Wörterbuch übersetzt und dann versucht, ähnliche Texte zu schreiben. «Irgendwann, mit vielleicht 12, bin ich auf die Gedichte von Hilde Domin gestossen, über einen Ausdruck am Anschlagbrett meiner Musikschule. Von Hilde Domin war ich damals tief beeindruckt und habe gelernt, dass Gedichte sich nicht unbedingt reimen müssen. Das fand ich aufregend. Für mich ist Lyrik schlicht die freieste Form von Literatur.»
Noch bevor er lesen und schreiben konnte, bestand bei Rudolf Bussmann der erste Kontakt zur Lyrik in kindlichen Gebeten und Kirchenliedern. «Lyrik hatte für mich von Anfang an die Aura des Besonderen, des Nicht-dem-Alltag-Zugehörigen.» Ihr Alleinstellungsmerkmal sieht er darin, dass Lyrik leicht und rasch eine sehr persönliche, oft intime Beziehung zur lesenden Person herstellt: «Sie startet von Null auf Hundert, schafft aus dem Nichts eine Stimmung, ein emotionales Feld.»
«Ein Gedicht ist ein Gegenüber, das eine oder mehrere meiner Persönlichkeiten aktiviert, das Kind in mir, den Spieler, den Intellektuellen, den Sehnsüchtigen, den Bedürftigen und alle andern.»
Rudolf Bussmann
Worin genau besteht denn Ihr ganz persönlicher grosser – oder kleiner – Spass an der Lyrik?
«Am Entdecken und Wiederlesen, an diesem Herzklopfen, wenn ein Gedicht mich berührt, inspiriert, beschäftigt», meint Simone Lappert. Rudolf Bussmann betont das Dialogische: «Ich möchte durch Lyrik unmittelbar angesprochen werden. Ein Gedicht ist ein Gegenüber, das eine oder mehrere meiner Persönlichkeiten aktiviert, das Kind in mir, den Spieler, den Intellektuellen, den Sehnsüchtigen, den Bedürftigen und alle andern.»
Lyrik ist auf dem Buchmarkt ein Nischenprodukt. Mehr als 500 verkaufte Bücher gelten bei der Lyrik schon als Grosserfolg. Muss man dieses Nischendasein bedauern? Oder eröffnet es vielleicht auch eine Chance, wenn man sich entsprechend geschickt positioniert und vielleicht gar nicht in erster Linie auf die traditionelle Form der Buchveröffentlichung schielt?
Zweifellos würden insgesamt mehr Gedichte geschrieben als gelesen, unterstreicht der Basler Autor Bussmann. Die Neuerscheinungen auf dem Ladentisch umfassten aber nur einen kleinen Teil dessen, was an Lyrik produziert werde. «Solange lyrisches Schreiben auf vielfältige Weise lebendig bleibt, verliert die Frage, ob Nischenprodukt oder nicht, an Bedeutung», ist er überzeugt.
«Beim Schreiben versuche ich, nicht an den Buchmarkt zu denken, das führt zu nichts», meint Simone Lappert. Und in der Tatsache, dass mit Lyrik kaum wirklich Geld zu verdienen sei, liege ja auch eine grosse Freiheit. «Das Meiste, was passiert, geschieht, weil Leute, die für Lyrik brennen, es möglich machen. Das hat auch eine enorme Kraft.»
Wie hat sich die Lyrik in den letzten Jahren und Jahrzehnten eigentlich entwickelt? Gibt es Trends? Eventuell auch Gegentrends, lyrische Undercover- oder Guerilla-Taktiken?
«Ich mag das Wort Trend nicht besonders», sagt Simone Lappert, «ich glaube, es zielt an der Gattung Lyrik vorbei». Aber schönerweise werde auch im Lyrikbereich immer öfter das Konzept der klassischen Wasserglas-Lesung überdacht. «Es gibt unter den zeitgenössischen Lyriker:innen unglaublich mitreissende Performer:innen.»
Rudolf Bussmann liefert gleich eine strukturierte Übersicht in der freudvollen Unübersichtlichkeit. Er sieht aktuell drei Tendenzen: «Was sich abzeichnet, ist eine zunehmende Verlagerung auf Spoken Word und Poetry Slam. Zweitens eine wachsende Öffnung auf osteuropäische und aussereuropäische Literaturen hin. Und drittens die Tendenz zu avantgardistischen und experimentellen Texten, wie sie von Verlagen wie kookbooks in Berlin oder Urs Engeler in der Schweiz gepflegt werden.»
Achtung: Natürlich ist das eine ganz schreckliche Frage an die Organisator:innen eines Festivals und ihr Team – weil jede Antwort so vieles ausschliesst, das man sicher auch liebt und gerne nennen möchte. Trotzdem: Welche der 14 Veranstaltungen im überaus vielfältigen viertägigen Festivalprogramm von 2026 ist für Sie persönlich die unverzichtbarste?
«Verzichtbar ist natürlich keines der Formate, ist ja klar...», schmunzelt Simone Lappert. «Mir persönlich liegt das ‹Late Night Varieté› sehr am Herzen, da es Lyriker:innen eine Bühne bietet, welche die Grenzen des Genres ausloten und verschieben, sich an den Schnittstellen zu anderen Künsten bewegen oder transdisziplinäre Kooperationen eingehen. Diese ‹Entschubladisierungen› finde ich besonders spannend.»
«Die Frage ist für mich nicht zu beantworten», sagt Rudolf Bussmann mit Nachdruck. Das Festivalprogramm sei ein ganzes, das bei aller Buntheit letztlich austariert und durch viele Diskussionen in der Vorbereitungsgruppe zu dem geworden sei, was es nun darstelle. Und dann lässt er sich doch entlocken: «Besonders freue ich mich auf die Begegnung mit der deutschen Aurorin Esther Kinsky, die grossartige Gedichte jenseits aller Moden schreibt und ihre Beobachtungen in natürlicher Landschaft genauso wie in Arealen, die von Eingriffen des Menschen gezeichnet sind, mit grösster Präzision festhält.»
Können Sie uns vielleicht ein Gedicht von ihr nennen, das Sie besonders fasziniert – und es ganz kurz kommentieren?
«Esther Kinsky hat die Fähigkeit, über fast nichts zu schreiben, und dies so präzis, dass am Schluss eine ganze Welt aus dem Gedicht spricht. In ihrem Band ‹Schiefern›, der 2020 bei Suhrkamp herausgekommen ist, gibt es ein Gedicht über den Tod einer herumstreunenden Katze. Die Todesszene ist wie ein Liebesakt. Die Katze verendet bei einer ähnlich armseligen Kreatur – in der hohlen Hand eines Bettlers. Aus dem fait divers wird unversehens ein herzzerreissendes Drama.»
Wo gehört Lyrik für Sie persönlich am ehesten hin? Zwischen zwei Buchdeckel? Auf Hauswände? Auf die Bühne? Auf Flugblätter? Als Störfaktor zwischen die Regale des Supermarkts? Als Werbeunterbrecher im Fernsehen?
«Am liebsten an all die genannten Orte», wünscht sich Simone Lappert freudig. «Was mir gefallen würde, wäre ein Lyrikfestival im Fussball- oder Hallenstadion. Über diese riesigen Lautsprecheranlagen – das stelle ich mir irgendwie gut vor.»
«Verstehen ist ja immer eine Art Beruhigung. Diese Beruhigung muss ein Gedicht meiner Ansicht nach nicht leisten.»
Simone Lappert
Kann die tendenzielle Hermetik, die doch recht häufige Rätselhaftigkeit moderner Lyrik manchmal auch zum Problem werden?
Simone Lappert: «Ich würde erstmal dafür plädieren, Gedichte nicht als abgeriegelt zu betrachten, sondern als Raum, in dem ich mich bewegen kann, auch wenn sich dabei Rätsel auftun. Verstehen ist ja immer eine Art Beruhigung. Diese Beruhigung muss ein Gedicht meiner Ansicht nach nicht leisten.»
Aber ist Lyrik manchmal nicht etwas mehr in Gefahr als erzählende Prosatexte, sich im rein Artifiziellen zu verlieren?
«Das Artifizielle ist als Gefahr in jeder Art Kunst vorhanden», gibt Rudolf Bussmann zu bedenken. «Die Lyrik ist stark auf die Form bezogen, da mag die Gefahr grösser sein als in anderen literarischen Genres. Unerträglich wird es, wenn das Artifizielle ein Manko an Inhalt vertuschen soll.»
Welches Gedicht können Sie locker auswendig?
Bussmann: «Schillers Ballade ‹Die Kraniche des Ibikus›. Mit ihr habe ich, als ich sie in der Schule auswendig lernte, Macht und Schönheit von Lyrik begriffen.»
Lappert: «Dieses hier, von Hilde Domin, das am Anschlagbrett meiner Musikschule hing: ‹Nicht müde werden / sondern dem Wunder / leise / wie einem Vogel / die Hand hinhalten.› Und viele meiner eigenen, da ich sie meist auswendig spreche», ergänzt sie lächelnd.
Welche drei Gedichte würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen? Und warum genau diese?
Simone Lappert: «Sicher ‹Hold Your Own› von Kae Tempest. (ARTE Twist ab 01.25. Und hier geh's zu einem Porträt in der WOZ.) Und natürlich ‹Die gestundete Zeit› von Ingeborg Bachmann».
Es scheint, als seien diese Zeilen von 1953 für unsere Tage geschrieben.
«Ich würde hier gar nicht mit Begründungen hantieren», meint Simone Lappert, «sondern die Leser:innen dazu auffordern, sich die Gedichte anzuhören oder nachzulesen. Ich glaube, sie sprechen für sich selbst. Und als Drittes vielleicht das oben genannte von Hilde Domin oder eines von Friederike Mayröcker. Am besten einfach alle auswendig lernen, dann können sie überallhin geschmuggelt werden… .»
Rudolf Bussmann würde bei Goethe suchen: «Bei ihm gehen Formwille, Stilvermögen und Aussage eine explosive Synthese ein. ‹Das Göttliche› wäre mit dabei – und auf der Insel, wo es nicht viel zu sehen gibt, dürfte einen vor allem das innere Erleben beschäftigen.»
‹Kann Lyrik Leben retten?› Die Frage mag auf den ersten Blick etwas pathetisch wirken. Aber verschiedene KZ-Überlebende haben später immer wieder davon berichtet, dass Gedichtzeilen, die sie auswendig konnten und die sie deshalb innerlich immer wieder hervorholen und sich vergegenwärtigen konnten, ganz wesentlich ihren Überlebenswillen gestärkt haben. Wie erklären Sie sich diese Wirkung?
«Lyrik ruft dir in besonderem Masse in Erinnerung, dass es ausser dem kruden Alltag noch anderes gibt», meint Rudolf Bussmann. «Die Liebe zum Beispiel, die Hoffnung, die Unendlichkeit. Dich, als Mensch mit einem lebendigen Herzen.»
Warum aber findet zeitgenössische Lyrik in der heutigen Presse- und Medienlandschaft praktisch gar nicht mehr statt? Es ist zwar ein paar Jahre her, aber noch keine Ewigkeit, da zerpflückte der Schriftsteller und damalige Feuilletonredaktor der Basler Zeitung, Urs Allemann, jeden Samstag aufs Feinnervigste ein herausragendes zeitgenössisches Gedicht. Ein Hochgenuss. Warum traut sich dies heute keine Tageszeitung, keine Wochenzeitung mehr?
Rudolf Bussmann erinnert daran, dass in der FAZ jede Woche die ‹Frankfurter Anthologie› erscheint, in der ein Gedicht abgedruckt und besprochen wird. Diese Einrichtung, die inzwischen Kultstatus hat, geht auf Marcel Reich-Ranicki zurück und hat seit 1974 all die Jahre bis heute erfolgreich überdauert. «Dass die Kulturjournalist:innen anderer Publikumszeitungen heute nicht mehr wissen, was Lyrik ist, gehört zu ihrem generell schmal gewordenen Wissensrucksack», bedauert Bussmann. «Für sie besteht die Belletristik aus einigen wenigen erfolgreichen Titeln und Autor:innen, die andere für sie entdeckt haben.»
Welchen Wunschumgang mit Lyrik tragen Sie in Ihrem Innern schon lange mit sich herum?
«Dass Gedichte laut gelesen werden», unterstreicht Simone Lappert, «denn ein Gedicht ist für mich immer auch ein Klangkörper.»
Wenn Sie unseren Leserinnen und Lesern nur einen einzigen Lyrikband empfehlen können, der ihnen für eine gute Wegstrecke (wenn nicht fürs ganze Leben) als Notvorrat, als – hallo Kästner! – lyrische Hausapotheke, als Hirn-, Herz- und Zwerchfelldoping dienen könnte, welcher Band wäre es?
«Es gibt Bücher, die viele Bücher sind», weiss Rudolf Bussmann. «Eines von ihnen ist ‹Grand Tour›, 2019 bei Hanser erschienen. Man unternimmt mit ihm ‹Reisen durch die junge Lyrik Europas›, wie der Untertitel lautet.» Über 500 Seiten weit führten diese Reisen, die einem beim Lesen die literarische Buntheit und Lebendigkeit des gesamten europäischen Kontinents erschliessen würden. «Dieser Band kann einen die Kunst lehren, Gedichte zu geniessen: Man setzt sich in eines von ihnen, fährt los und betrachtet mit staunenden Augen, was es unterwegs zu sehen gibt. Dann umsteigen ins nächste.»
Worauf warten wir noch? Das Internationale Lyrikfestival Basel bittet zum Einsteigen in diese abenteuerliche Sprach- und Bilderrausch-Schatzsuche. Moment, nur ein Rätsel noch: Von wem könnte dieses Zitat stammen?
«Wenn schon die Poesie überhaupt ein Rätsel ist, so ist die Lyrik das Rätsel der Rätsel.» Es sei hier ausnahmsweise verraten: vom einzigen Schweizer Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler (1845–1924).
Das Internationalen Lyrikfestivals Basel findet vom 22. bis zum 25. Januar statt. Hier geht's zum Programm des 22. Internationalen Lyrikfestivals Basel.