«Ein Ort der Freiheit, der Erkundung und des Aufblühens»

Die Literaturzeitschrift «le persil» feierte im Begegnungszentrum Grange de Dorigny der Universität Lausanne ihr 20-jähriges Jubiläum mit einem Podiumsgespräch und der Vernissage der Jubiläumsausgabe.

Einer der originellsten und anregendsten literarischen Treffpunkte in der Westschweiz, «un des lieux de rencontres littéraires les plus originaux et le plus stimulants de Suisse romande». So charakterisierte die grosse «Histoire de la littérature en Suisse romande» im Jahr 2015 die Literaturzeitschrift «le persil». Diese stand damals im elften Jahr ihrer Existenz. Nun steht sie schon in ihrem 21.

Der Autor der zitierten Charakterisierung, Daniel Maggetti, ordentlicher Professor für Westschweizer Literatur und Leiter Centre des littératures en Suisse romande an der Universität Lausanne, hat die Entwicklung der Zeitschrift ab ihren Anfängen bis heute mitverfolgt. Er moderierte am Freitag, den 7. März das Podiumsgespräch zum Rückblick auf die zwanzig Jahre «le persil», das wie die Vernissage der Jubiläumsnummer der Zeitschrift von Béatrice Lovis, Theater- und Kunsthistorikerin an der Universität Lausanne, organisiert wurde.

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Begründer Marius Popescu blickt auf die 20-jährige Geschichte von «le persil» zurück. (Bild: Foto: Daniel Rothenbühler)

Ihr Begründer, Marius Popescu, als Autor mehrfach ausgezeichnet, hat «le persil» 2004 auf eigene Faust ins Leben gerufen. In Rumänien hatte er Forstingenieur studiert und die dissidente Wochenzeitschrift «La Replica» gegründet und geleitet, bevor er 1990 mit 27 Jahren in die Schweiz kam, hier zunächst als Holzfäller, dann als Buschauffeur der Transports lausannois (TL) den Brotberuf fand, den er bis heute zu 70 Prozent neben seiner literarischen Tätigkeit ausübt.

Popescu hatte auf Rumänisch schon drei Gedichtbände publiziert, bevor er 1995 unter dem Titel «4x4 poèmes tout-terrains» seine ersten Gedichte auf Französisch veröffentlichte, in einer Sprache also, die er erst ab seiner Ankunft in der Schweiz, fünf Jahre zuvor, richtig sprechen und schreiben gelernt hatte. «Tout-terrain», an kein Terrain gebunden, wurde auch «le persil».

Popescu hatte mit dem Autor und Journalisten Jean-Louis Kuffer für dessen Zeitschrift «Le Passe-Muraille» zusammengearbeitet und darin auch eigene Texte publiziert, verspürte aber das starke Bedürfnis mehr zu veröffentlichen. Am Empfang des TL-Gebäudes habe er einen grossen Fotokopierer entdeckt, der auch Kopien im A-3-Format ermöglichte, erzählt er: «Um fünf Uhr früh, als noch niemand anderes da war, habe ich auf diesem Kopierer die ersten drei Nummern von ‹le persil› kopiert, nach Vorlagen, die ich mit Schere und Kleber hergestellt hatte.» Mit der so entstandenen Zeitung ging er auf die Strasse und brachte seine Texte unter die Leute. Zugleich nutzte er das Verzeichnis der Abonnent:innen des «Passe-Muraille» und schrieb deren Adressen von Hand auf die Umschläge, in denen er «le persil» verschickte. Das macht er auch heute noch für die etwa 600 Abonnent:innen der Zeitschrift.

Jede Nummer ein neues Abenteuer

Aber die Ausgaben der Zeitschrift beruhen schon längst nicht mehr auf kopierten Vorlagen, die mit Schere und Kleber zusammengebastelt werden. Und schon längst sind es auch nicht mehr bloss die Texte Popescus, die sie füllen. Gewiss sind einzelne Ausgaben in mehr oder weniger regelmässigen Abständen allein seinen Texten gewidmet. Aber in ihrer grossen Mehrheit geben die Ausgaben Raum für Texte angesehener Autor:innen der Westschweiz wie z. B. Jean-Luc Benoziglio, Jacques Chessex oder Alexandre Voisard, noch mehr aber für Texte jener Schreibenden, die erst wenige oder gar keine eigenen Publikationen haben, und immer wieder auch für solche, die in Schreibwerkstätten entstanden sind.

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«le persil» gibt sowohl angesehenen Autor:innen der Westschweiz als auch Schreibenden mit wenig Publikationserfahrung eine Plattform. (Bild: Foto: Daniel Rothenbühler)

Und seit ein paar Jahren sind die meisten Ausgaben dank der Mitarbeit des Autors, Literaturwissenschaftlers und -aktivisten Daniel Vuataz typografisch und grafisch kunstvoll gestaltet. Vuataz hat sich für die «Persil»-Jubiläumsausgabe auch die Mühe gemacht, ein Namensregister der über 1200 (!) Mitwirkenden an 228 Ausgaben mit insgesamt 3636 Seiten herzustellen.

Auch von über 40 Autor:innen aus der Deutschschweiz wurden Texte bzw. Textausschnitte in französischer Übersetzung publiziert. Mit der Literaturzeitschrift «Orte» machte «le persil» einen Austausch von Texten, die in die jeweils andere Sprache übersetzt wurden. Als Hommage an Hugo Loetscher gab es nach dessen Tod eine Nummer mit zahlreichen Würdigungen des Verstorbenen durch Autor:innen aus der Westschweiz. Popescu, der selbst nicht Deutsch kann, legt grosses Gewicht auf den Austausch mit der deutschsprachigen Literatur aus der Schweiz. Aber auch die Deutschrumänin Herta Müller wurde in einer Ausgabe gewürdigt.

Neben solchen Extraausgaben zur Ehrung einzelner Autor:innen, lebenden und toten, macht «le persil» Carte-blanche-Editionen, die zum Beispiel schon Autor:innen wie Heike Fiedler, Antoine Jaccoud oder Olivier Sillig frei mit eigenen Texten füllen konnten. Themennummern waren einzelnen Verlagen, Literaturpreisen und Einrichtungen wie dem Literaturhaus Maison Rousseau et Littérature in Genf oder dem Schweizerischen Literaturinstitut in Biel gewidmet. Das wohl kühnste Projekt war die Nummer «On s’offre Paris», wir leisten uns Paris, mit Texten von französisch- und deutschsprachigen Schweizer Autor:innen, in denen die französische Metropole eine zentrale Rolle spielt. Zehn dieser Autor:innen sind damals mit der Extranummer auch nach Paris gefahren und haben dort im Musée national de l'histoire de l'immigration an einer Lesung ihrer Texte teilgenommen.

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«le persil» setzt auch auf einen Austausch mit deutschsprachigen Autor:innen. (Bild: Foto: Daniel Rothenbühler)

So ist jede Nummer ein neues Abenteuer. Als Format ist nur die A3-Grösse festgelegt, manche Ausgaben sind illustriert wie z. B. jene drei, die die Künstlerin und Kinderbuchautorin Albertine gestalten konnte. Wenn Maggetti «le persil» in der schon zitierten Literaturgeschichte mit dem Attribut «brut de décoffrage» charakterisiert, also als rau geschalt, im Rohbau befindlich, unausgearbeitet und ungeschönt, dann betrifft das nicht die Gestaltung der einzelnen Ausgaben, sondern eher die Art und Weise, wie sie zustande kommen und was sie beinhalten.

Kein Coach

Nach drei Jahren Alleingang hat Popescu 2007 den Trägerverein «Association des Amis du journal le persil» gegründet. An der Jahresversammlung des Vereins wird jeweils der Inhalt der Nummern im folgenden Jahr beschlossen, danach ist es ganz den wechselnden Verantwortlichen überlassen, wie sie ihre Ausgabe gestalten und füllen. «Rohbau» sind die Texte insofern, als keinerlei Abgeschlossenheit erwartet wird und sie auch nicht nach Gattungskriterien geordnet werden. Zudem kennt «Le persil» keine Rubriken wie die meisten anderen Literaturzeitschriften, und Literaturbesprechungen gibt es auch nicht. Wie im Petersilien-Gartenbeet wird geschnitten, was gewachsen ist, und damit gerechnet, dass etwas Neues nachwachsen wird. «Au Persil chacun s’assume tel qu’il est, tel qu’il écrit. Je ne suis pas un coach», in «le persil» stehe jeder zu sich selbst, so wie er ist, wie er schreibt, er sei kein Coach, hat Popescu dem Journalisten Boris Senff anlässlich des zehnten Geburtstags seiner Zeitschrift gesagt. Das gilt auch jetzt noch, zehn Jahre später.

Wer sich einen Einblick ins Funktionieren und Wirken in und um «le persil» herum machen will, findet diesen nun dank der Webseite lepersil.ch, die zum Jubiläumsjahr eingerichtet wurde. Erstellt werden konnte sie dank einer Extrafinanzierung seitens der Stiftungen sowie halböffentlichen und öffentlichen Einrichtungen, die «le persil» schon über die Jahre hinweg unterstützt haben. Die Vielfalt der Zeitschrift, die diese Webseite zum Vorschein bringt, verdankt sich nach Alain Rochat, dem Verleger des renommierten Lyrik-Verlags Éditions Empreintes, wesentlich der Grosszügigkeit Popescus.

In der Jubiläumsausgabe erinnert sich Rochat an die Themennummer über seinen Verlag. Popescu sagte ihm damals etwas, das man heute selten oder gar nie hört, wenn man einen Text für eine Zeitung oder Zeitschrift schreibt: «Tu peux écrire le plus possible», du kannst so viel wie möglich schreiben. Diese Haltung Popescus erklärt nach Rochat die Dynamik und Langlebigkeit von «le persil»: «Seine Großzügigkeit zeigt sich in meinen Augen darin, dass diese Zeitung alle literarischen Gattungen (wenn es sie denn gibt) anspricht, alle Formen, manche davon seltsam, alle Generationen, alle Stimmen. Sie ist ein Ort der Freiheit, der Erkundung und des Aufblühens, natürlich, wenn nicht sogar des Aufsprudelns. Es ist gut, wenn eine Literaturzeitschrift eine Linie hat […]; die Linie der Zeitung (dieser Begriff ist wichtig) ‹le persil› ist es, keine Linie zu haben, ausser der des Herzens und der Begeisterung, was nicht etwa bedeutet, dass jede Ausgabe nicht ihre eigene Kohärenz und ihren eigenen Fokus hätte. Ein Ort der Freiheit: Schlagt Marius etwas vor und er wird Ja sagen und: ‹Kümmere du dich darum!› Begleitet wird er, unter anderem, von Daniel Vuataz, einem hervorragenden Layouter, der sich um euer Projekt kümmern wird. Marius weiss, wie man sich umgibt und wie man delegiert, vertrauensvoll.»

Rochat fasst zusammen, was auch in der Podiumsdiskussion zum Jubiläum aus unterschiedlichen Perspektiven zur Sprache kam. Ihr folgte die Lesung eines Autors und dreier Autorinnen, die literarische Texte bzw. Textausschnitte zur Jubiläumsnummer beigetragen hatten, darunter Heike Fiedler, die auch im deutschen Sprachraum für Performances mit experimentellen Texten bekannt ist.

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Heike Fiedler ist bekannt für ihre Literatur-Performances. (Bild: Foto: Daniel Rothenbühler)

Als experimentell lassen sich letztlich auch Popescus Zeitschrift und seine Gedichtbände und Romane bezeichnen. Nach der «Symphonie du loup» (Corti, 2007), deutsch «Die Wolfssymphonie» (Engeler, 2013, übers. v. Michèle Zoller) und den «Couleurs de l’hirondelle» (Corti, 2012), deutsch «Die Farben der Schwalbe» (Verlag Die Brotsuppe, 2017, übers. v. Yla von Dach) wird im kommenden Herbst in den Éditions Corti in Paris «Le Cri du barbeau» erscheinen.

Im längeren Ausschnitt aus diesem Romanprojekt, den Popescu im Juli 2024 in «le persil» vorveröffentlichte, steht der Satz: «les mots naissent sans parents sur la feuille», die Wörter kommen ohne Eltern auf dem Papier zur Welt. Popescu sagt hier – ob willentlich oder nicht – was Roland Barthes mit dem Tod des Autors meinte, nämlich, dass das, was in der Literatur zu Papier gebracht wird, keiner Vater- oder Elternschaft zuzuordnen ist, sondern seine eigene Individualität entwickelt. Ein literarischer Text ist weder auf eine Person und deren Leben noch auf eine Tradition, Gegenwartsströmung oder Gattung hin zu lesen, sondern als Kunstwerk in seinem Eigenwert. Das gilt für Popescus Schreiben ebenso wie für seine Zeitschrift. So wie schon die Griechen der Antike die Unabhängigkeit der Bürger von jeder Familien- oder Sippenzugehörigkeit als Grundbedingung der Demokratie ansahen, ist für Popescu die radikale Unzugehörigkeit seines Schreibens und Wirkens die Grundbedingung für seine freie literarische Kreativität.

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