Weshalb die Kultur gegen die Halbierungsinitiative antritt
Schon die aktuellen Sparmassnahmen treffen die Kultur. Die Folgen einer Annahme der Halbierungsinitiative wären noch viel gravierender.
Suisseculture, Dachverband der Organisationen der professionellen Kulturschaffenden der Schweiz und der schweizerischen Urheberrechtsgesellschaften, warnt vor folgenden Auswirkungen einer allfälligen Annahme der SRG-Initiative:
«Die Initiative will die Haushaltsabgabe deutlich senken und Unternehmen ganz von der Abgabe befreien. Das würde der SRG einen sehr grossen Teil ihrer Mittel entziehen. Gemäss den vorliegenden Berechnungen sinken die Einnahmen der SRG allein durch Abgabeänderungen um rund 650 Millionen Franken; zusammen mit erwarteten Ausfällen bei der Werbung würde das Gesamtbudget auf rund 750 Millionen Franken fallen – also deutlich mehr als halbiert. (…)
Kulturschaffende verlieren Aufträge und Tantiemen (Film/Koproduktionen, Musik, freie Szenen, Technik, Postproduktion, Kritik); das Publikum verliert Vielfalt und beliebte Formate in allen Sparten; Regionen verlieren Sichtbarkeit. Der verfassungs- und konzessionsrechtlich verankerte Leistungsauftrag des medialen Service public wäre nicht mehr erfüllbar. (…) Eine Reduktion der Mittel trifft zuerst die kleineren Sprachräume, Nischen- und Nachwuchsformate. Zur Vielfalt gehört auch das Auslandsmandat (u. a. swissinfo.ch sowie Partnerschaften wie 3sat und TV5MONDE): Es macht Schweizer Kultur international sichtbar, eröffnet Koproduktions- und Distributionskanäle und stärkt die «fünfte Schweiz» (Diaspora). Wer halbiert, schwächt diese Brücken – nach innen und nach aussen.»
Hier kannst du die gesamte Stellungnahme von Suissseculture lesen.
Estelle Revaz, Präsidentin von Suisseculture, Nationalrätin und Berufsmusikerin, bringt es so auf den Punkt: „Wir üben Kritik, wo Kulturformate abgebaut werden. Aber eine Halbierung löst kein Problem. Sie schafft neue – auf Kosten von Schweizer Kultur und ihrer Sichtbarkeit.“
Es geht auch um die Kulturöffentlichkeit
Aus der Sicht von ch-intercultur, Verein für Kulturkritik, dessen Präsident diesen Artikel verfasst, ist besonders beachtlich, dass die Taskforce Culture (Arbeitsgruppe verschiedener Kulturorganisationen) auf die steigende Bedeutung der SRG für die Kulturberichterstattung hinweist:
«Für die Schweizer Kultur ist die SRG eine wichtige Partnerin: als Produzentin, als Vermittlerin und als Stimme der Kulturberichterstattung – gerade weil sich private Medien aus diesem Bereich teilweise zurückziehen. (…)»
ch-intercultur weist seit Jahren auf den Rückgang von Kulturjournalismus und Kulturkritik hin: Kapazitäten werden abgebaut. Kultur geht in ein grösseres Ressort ein, in welchem sie durch gesellschaftliche, allgemeinpolitische, weltanschauliche, personenfokussierte Themen verdrängt wird. Auch die Medienkonzentration vermindert die Vielfalt. Mehr als 1'200 Personen, darunter namhafte Vertreterinnen und Vertreter des Kulturschaffens und Kulturlebens, unterzeichneten das von ch-intercultur aufgelegte Manifest «Der Kulturjournalismus gehört in die Kulturbotschaft». Leider fand dies bei den Bundesbehörden kein Gehör. Angesichts dieser besorgniserregenden Entwicklung wagte ch-intercultur in Partnerschaft mit der Stiftung We.Publish den Pilotversuch mit dem Kulturmedium «cültür». Aus der Medienmitteilung vom 7. November 2024: «cültür will dem Umstand, dass Kulturjournalismus und Kulturkritik immer mehr aus den grossen Publikumsmedien verschwinden, mit einem alternativen Angebot begegnen.»
Kulturschaffende setzen sich zur Wehr
Nun greifen Kulturschaffende und ihre Organisationen in den Abstimmungskampf ein. Zwei Beispiele:
- cinésuisse, Dachverband der Schweizerischen Film- und Audiovisionsbranche, engagiert sich im Internet und auf Social Media für ein Nein zur Halbierungsinitiative. Auf der Homepage gleich die Frage: «Unseren Filmen und Serien den Stecker ziehen?» Es folgt ein ausführliches Argumentarium gegen die Initiative.
- «Wo die Musik spielt» – auf dieser Homepage gibt der Schweizerische Musikrat zu bedenken: «Wir hören Musik vielfältig: über Internet (68,3%), über kostenlose (57,2%) oder kostenpflichtige Streamingdienste (46,8%). Doch der wichtigste Kanal ist – entgegen jedem Klischee – unverändert derselbe: 80,5% der Bevölkerung hören Musik über Radio und Fernsehen. Diese Zahlen erzählen eine klare Geschichte: Die Schweiz ist ein Klangraum. Ein Land, in dem Musik gelebt, gefeiert, gelernt und geteilt wird. Und sie zeigen ebenso deutlich: Die SRG ist die mediale Bühne, über die Musik die Menschen erreicht.» Auch hier gibt es ein Argumentarium. Interpretinnen, Interpreten und eine Musikpädagogin erläutern zudem in Statements, was auf dem Spiel steht.
Der «Allianz pro Medienvielfalt» sind folgende kulturellen Organisationen beigetreten (in alphabetischer Reihenfolge):
Cineastas e cineasts rumantschs, IG Volkskultur, Pro Cinema – Verband für Kino & Filmverleih, Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband, Schweizer Studiofilm Verband, Schweizer Syndicat Film und Video, Suisseculture – Dachverband der professionellen Kulturschaffenden, Szene CH – Berufsverband darstellende Künste, t.Theaterschaffen Schweiz, Verband Filmregie und Drehbuch Schweiz.
Dem Ko-Präsidium gehören an:
Christine Brand, Krimiautorin; Romana Ganzoni, Autorin, Schriftstellerin; Franz Hohler, Schriftsteller, Kabarettist; Gardi Hutter, Clownin; Salva Leutenegger, Geschäftsführerin Szene Schweiz; Barbara Teerporten, Schauspielerin; Ursus & Nadeschkin, Clown-Duo; Francesco Walter, Co-Intendant Musikdorf Ernen; Priska Wismer-Felder, Präsidentin ICH Volkskultur, Nationalrätin Mitte.
Mehr und mehr Kulturschaffende nehmen nun in den sozialen Medien Stellung. Einige von ihnen weisen auch zurecht auf die staatspolitische Bedeutung dieser Abstimmung hin – so Béla Rothenbühler, Dramaturg und Autor: «In Zeiten von Fake News, Filterblasen, lügenden Präsidenten und halluzinierenden KIs ist eine solide öffentliche Berichterstattung essenziell für unser Zusammenleben.»
Es wird knapp – mobilisieren wir!
Meinungsumfragen lassen ein knappes Abstimmungsergebnis erwarten. Es zeigt sich immer wieder, dass bei einer solchen Ausgangslage die Mobilisierung der ideell und materiell Betroffenen den Ausschlag geben kann. Also: Mobilisieren wir! Alle, die dem Kulturschaffen, dem Kulturleben, der Kulturvermittlung verbunden sind!
Ulrich Gut, Präsident von ch-intercultur, Verein für Kulturkritik ([email protected])