Biel-Bienne, journal intime, vierhändig
Noëlle Revaz und Michael Stauffer beschreiben einen Tag in ihrem zweisprachigen Alltag: Beim Zähneputzen denkt das Paar darüber nach, dass das Weltwirtschaftsforum in Davos (WEF) in Weltfaschistforum (WFF) umbenannt werden sollte. Zum Mittagessen gibt es Polpette, das Auto kann von der Garage abgeholt werden und der Sohn schreibt lauter 6en, hat aber eine Sauklaue.
8h06.
Brossé la moitié de mes dents, à la radio ils disent que les discussions sur l'Ukraine à Genève auraient été un grand succès pour l'Europe, que les intérêts européens seraient désormais pris en compte, et pas seulement les intérêts russes. Ein grosser Erfolg für Europa! Es würden nun auch europäische Interessen berücksichtigt, nicht nur russische. J’ai le dentifrice coincé dans la gorge. Quelle connerie cynique. Mir bleibt die Zahnpasta im Hals stecken. So eine zynische Scheisse.
Dans le Financial Times: Der amerikanische Beleidigte-Leberwurst-Diktator will nur zum World economic forum (WEF) in Davos kommen, wenn keine discussions on areas including female empowerment and diversity, the green transition, climat change and any other overtly «woke» topics stattfinden. Die Organisatoren versichern, dem orangenen Beleidigte-Leberwurst-Diktator, dass da nichts dergleichen auf dem Programm stehen werde. Das Forum wird umbenannt. Es heisst jetzt neu Weltfaschistforum, (WFF.) Il n'y aura aucun de ces thèmes au programme. Le Forum est rebaptisé. Il s'appelle désormais Forum fasciste mondial (WFF).
10.17 Uhr
Dehors il pleut et je vois le livreur qui essayer de remettre un colis chez ma voisine. Die Nachbarin ist nicht zu Hause. Elle n’est pas là. Der Paketbote kniet sich auf die Fussmatte und beginnt, einen Abholschein, den er gegen die Türe presst, auszufüllen. Der Regen macht den Abholschein sofort weich, der Bote sucht einen neuen Schein, öffnet den Briefkasten, damit er den Abholschein am Trockenen schreiben kann. Er schleppt das Paket wieder zurück ins Auto, es ist viel zu schwer. Le livreur porte le gilet fluo de la Poste suisse, mais descend la rue dans un camion Europcar. Ein Sub-Sub-Sub-Sub-Unternehmer der Post, ohne regulierten Arbeitsvertrag? Un sous-sous-sous-sous-traitant de la Poste, sans contrat réglementé ? Une autre voisine se précipite avec un parapluie vers le bus. Eine noch andere Nachbarin hastet ohne Regenschirm auf den Bus. Ich muss schon langsam ans Mittagessen denken. Ich werde für meinen Sohn und mich Malloreddus mit Tomatensauce und Polpette kochen. Des malloreddus à la sauce tomate et des polpettes.
11h13
Les malloreddus mijotent. La pluie a cessé. Die Garagistin schreibt: «Hallo. Wir erwarten noch einen Bremsschlauch für hinten rechts. Il devrait nous parvenir dans le courant de la journée. Ich hoffe, dass der Ford dann bis heute Abend fertig ist. Wir hören uns nochmal. Ok? Ich tippe zurück: Oui. Ok. J'ai rendez-vous à 17h00 avec les enseignants de mon fils. Je pourrais donc venir vers 15h30 ou vers 18h10, y aura-t-il encore quelqu'un ? Ist dann noch jemand da? Réponse: Oui, jusqu'à 19h00. Aber nicht später. Danach haben wir einen Karaoke-Abend mit den Mitarbeiterinnen.
12.00 Uhr
Mein Sohn kommt nach Hause. Sofort wird er ausgefragt: qu'est-ce que vous avez fait à l'école ? Lui: géographie et français. Ich: Und was genau? Er, schon etwas gelangweilt: Über die Schweiz. Ich: Und was genau? Er: Was man in der Schweiz essen kann. Dann habe ich Currywurst gesagt. Le professeur a dit non. Il aurait fallu dire rösti et raclette. Man hätte sagen müssen: Rösti und Raclette. Moi: vous appelez ça un cours de géographie? Et en français, c’était quoi le sujet ? Lui: écrire un autoportrait. Moi : Qu'est-ce que tu as écrit ? Lui: Que j'ai les cheveux plutôt clairs, que j'ai les yeux bleus, que j'aime faire de l'escalade et jouer au badminton, dass ich gerne klettere und Badminton spiele, dass ich sehr schnell lesen kann, dass ich gerne Theaterspiele. Ich: Das ist aber schon viel! Er: Dann habe ich noch geschrieben, dass ich gerne Musik höre, dass meine Mutter aus dem Wallis kommt und dass mein Vater aus dem Thurgau kommt. Ich: Und was hast du in der Pause gemacht? Einen Apfel gegessen, mit Padme geredet und dann Padmes Smarties fertig gegessen, mit dem NEUEN geredet. Ich: Worüber? Ob er Ski fährt oder Snowboard.
14.00 Uhr
Je reçois un mail qui m’apprend que le gouvernement bernois est presque aussi intelligent que l’administration Trump. Der Regierungsrat hat in seiner Sitzung beschlossen, für BILDUNGSAUSLÄNDER*INNEN die Studiengebühren massiv zu erhöhen, für Schweizer*innen «nur» um 13%. Nach diesem Entscheid steigt ab Herbstsemester 2026 die Studiengebühr für alle Studierenden um hundert Franken auf neu 850 Franken pro Semester. «Bildungsausländer»*innen (aus EU- und Drittstaaten) zahlen ab dem Herbstsemester 2026 pro Semester 2'550 Franken. Die besten ausländischen Studierenden werden in Zukunft sicher nicht mehr im Kanton Bern studieren. À l'avenir, les meilleurs étudiants étrangers ne viendront certainement plus étudier dans le canton de Berne. Der Regierungsrat möchte nur noch dumme Schwerreiche anlocken. Oder mediokre Bildungsinnländer*innen.
16.00 Uhr
Die Garagistin ruft an. Das Auto ist fertig. Ich fahre mit dem Bus. In der Garage ist Hochbetrieb, alle wollen die Winterräder montieren, da es über das letzte Wochenende 5 Zentimeter geschneit hatte. Et maintenant tout le monde pense qu’il va neiger encore 5 centimètres le week-end prochain.
17h30
Séance avec les instituteurs à l’école, dans la classe. On nous invite à nous asseoir sur des chaises beaucoup trop petites, à un petit banc. Elternabend mit den Lehrern in der Schule, im Klassenzimmer. Man lädt uns ein, uns auf die viel zu kleinen Stühle, auf eine kleine Bank. Der etwa 50-jährige Lehrer und die beiden jungen Lehrerinnen sitzen höher, auf normalen Stühlen. Le maître quinquagénaire et les deux jeunes maîtresses sont plus haut, sur des chaises normales. On dirait un tribunal. Es wirkt wie ein Gericht, aber alle lächeln. Der Lehrer hat eine Glatze und den grossen, breiten Körper eines Ringers. Offensichtlich hat er keine Autoritätsprobleme. Er sitzt in der Mitte. Er ist gut gelaunt. Er spricht: Ihr Sohn schreibt viele 6en. Votre fils fait beaucoup de 6. Le maître est très content. Les parents sont fiers et contents. Les maîtresses aussi. Notre fils a légèrement rougi. Il est content. Il regarde par la fenêtre. Ce matin, il a dit qu’il détestait les séances des parents, c’est gênant. Unser Sohn ist leicht errötet. Er ist glücklich. Er schaut durch das Fenster. Heute Morgen hat er gesagt, er hasse diese Elternabende, es sei peinlich. Man spricht noch von seiner Sauklauenschrift, der Lehrer droht, alles als falsch zu werten, wenn unser Sohn sich nicht besser anstrengt. On parle encore de son écriture de cochon, le maître menace de compter tout faux si notre fils ne s’applique pas davantage. Die restliche Zeit nutzen wir, um über die Skiferien und die verschiedenen Skigebiete in der Schweiz zu reden.