Bad Bonn Kilbi: die Wundertüte
Seit 1991 lockt die Bad Bonn Kilbi in Düdingen zwischen Bern und Fribourg am Schiffenstausee zum alternativen Festival, das genreübergreifend das Beste aus den Nischen auf die Bühne bringt.
Seltsamer Sommer, wie auf den Kopf gestellt: Wenn die Bad Bonn Kilbi nicht ein-, sondern ausläutet, man die Vorfreude bis in den September trägt. Macht nichts: ein anderes Licht, vielleicht kühlere Nächte, das Sommergefühl halt im Rücken – und dafür womöglich ein Schwung, der in den Herbst hineinträgt?
Die Bad Bonn Kilbi im Freiburger Düdingen, das wichtigste Festival für alternative, experimentelle und nischige Musik aus allen Popsparten (und darüber hinaus) wird ab jetzt die Saison nun also nicht ein-, sondern ausläuten. So hat man sich mit dem benachbarten Landwirt geeinigt, der sein Geschäft durch das Festival in Gefahr sah. Oder wie es die Festivalmacher:innen im Pressedossier schreiben: «Einfach da sein ist alles. Die Kilbi erlebte viele Frühlinge und macht jetzt Herbstspaziergänge. Die Stimmung wird authentisch, automatisch, aromatisch wie die Herbstblume.»
Vieles wird sowieso gleich sein. Das Salamisandwich an der Hausbar, die Holzschnitzel, die Fülle an Musik, das Glück, wie vom Affen gebissen im Dreieck zu rennen und trotzdem irgendwie dauernd etwas zu verpassen, obwohl einem so viele Namen bis zum Festival noch nicht einmal bekannt waren. Ein Glück aber auch, sich vorzufreuen.
Chiasso Means Noise heisst das sehr schöne, fein kuratierte Festival ganz am äussersten Rand der Schweiz, an das ich zusammen mit dem Berner Internet-Radio Bollwerk diesen Frühling eingeladen war. Ein sehr engagiertes Kollektiv hatte uns diesen Besuch in der Grenzstadt ermöglicht, und wir verbrachten ein Wochenende in einer Industriebrache, wo uns viele Wunderlichkeiten vorgeführt wurden. Als wir schon beinahe auf dem Sprung nach Hause waren, spielte samstags spät nachts Gordan, ein mir bis dahin unbekanntes Trio mit Wurzeln in Serbien, Deutschland und Österreich, und hielt uns vom ersten Ton an fest. Andi Stecher am Schlagzeug, Guido Möbius am Bass und Svetlana Spajic am unglaublichen Gesang spielen eine Interpretation von serbischen Volksliedern, wühlen im balkanischen Märchenschatz und improvisieren daraus eine verwurzelte, ganz und gar eigene Musik.
Freitag, 5. September, 22.30 Uhr, Stage C
Ebenso in Chiasso zugegen war die äusserst spielwütige Schlagzeugerin und Multiinstrumentalistin Valentina Magaletti, deren viele Projekte mittlerweile kaum mehr zu überblicken sind. Vor zwei Jahren teilte sie mit Moin die Kilib-Zeltbühne, am Chiasso Means Noiso trat sie solo auf. Und dieses Jahr spielt sie an der Kilbi mit der Lissabonerin Nídia, die in ihren Sets afropurtugiesische Genres wie Kuduro, Batida oder Tarraxinha mit Cance verschränkt. Das dürfte sehr interessant, sehr lebhaft werden.
Nídia solo, Donnerstag, 4. September, 23.15 Uhr, Stage C
Nídia & Valentina, Freitag, 5. September, 21.00 Uhr, Stage B
Eine Herzensangelegenheit ist REA aus Biel, die Tüftlerin, Suchende, Wundersame, die dieser Erde mit Harfe, Stimme und Gerät Klänge entlocken kann, die niemand zuvor kannte. Keine weiss so gut um das Grobe und perfektioniert das Sanfte wie sie. Mit zartesten Bewegungen direkt in die Magengrube, es wird ein Zauberspiel, da unten am See.
Freitag, 5. September, 15.30 Uhr, See
Und gleich noch eine Herzensangelegenheit: Die Zürcher Musikerin Gess Zinni alias Taimashoe spielt am Samstag mit Band und endlich auf der Zeltbühne. Ihre Popsongs klopft sie nach Kuriositäten ab und setzt sie eigenwillig wieder zusammen. Damit zielt ihre lustige Musik direkt in die Bauchgegend und animiert zum Tanzen.
Samstag, 6. September, 18.00 Uhr, Stage B
Nicht unverwandt von Elastizität und Beweglichkeit her sind die Livesets der Brüsselerin Naomie Klaus, die dieses Jahr sowohl solo als auch mit dem Berliner Schon-Fast-Urgestein Chris Imler aufspielt. Das letztjährige Solo-Set war ein absolutes Highlight, wir standen dicht gedrängt im Kreis um sie herum, eine Freundin sagte: «Jetzt finden wir uns alle wunderschön.»
Naomie Klaus solo, Donnerstag, 4. Sepbember, 21.30 Uhr, Stage C
Chris Imler feat. Naomie Klaus, Samstag, 6. September, 22.30 Uhr, Stage B
Chunky! Der Rapper aus Manchester ist für mich eine der tollsten Entdeckungen der letzten Jahre, seit seinem übergrossen Debütalbum «Somebody’s Child» (2023) sowieso. In seiner Musik gibt er Einblicke ins Familienalbum, erzählt vom Aufwachsen in der britischen Industriestadt, stets in Verbindung mit seinen Wurzeln in Zimbabwe. Familie ist ein grosses, Ding. Chunky macht daraus einen unerhörten Rap, so nachdenklich, so smart und so direkt ins Gesicht.
Freitag, 5. September, 19.00 Uhr, Stage B.
Lauter, punkiger, Riot Grrrl? Da gibt's einiges zu sehen in der diesjährigen Ausgabe. Zum Beispiel Daufødt aus Oslo, die eine sehr noisige Spielart von Punk spielen, zuvorderst Annika Linns alles niederreissende Stimme. Da sind Gorz, zwischen Buenos Aires, Berlin und Bern zuhause: Lara Alarcón und Cyrill Ferrari spielen mit Gitarre, Drumcomputer und Stimme, pendeln zwischen Hardcore und Regenbogenpop und nennen das «Cutecore». Ebenso Lautes, im Riot Grrrl Verwurzeltes, versprechen Forsissies, die sich zwischen Powercore und Performance bewegen. Und nochmal Riot Grrrl, Punk und Party versprechen Panic Shack aus Wales.
Daufødt, Samstag, 6. September, 16.15 Uhr, Stage B
Gorz, Freitag, 5. September, 18.30 Uhr, Stage C
Forsissies, Freitag, 5. September, 17.00 Uhr, Stage B
Panic Shack, Samstag, 6. September, 21.30 Uhr, Stage A
Und davor und danach: rumrennen, verpassen, durchatmen. Mal einfach irgendwo stehenbleiben und warten, was passiert. Und zwischendurch auch mal etwas schlafen.